"Wirkweise, Anwendung: Expektoranzien sollen bei Bronchitis oder anderen obstruktiven Atemwegserkrankungen den zähen Schleim dünnflüssiger machen. Die Verwendung von Arzneimitteln, die ätherisches Öl enthalten, hängt eng mit der lokalen Reizwirkung der ätherischen Öle zusammen. Ob ein sekretverflüssigender Effekt erzielt wird, hängt entscheidend von der Dosis sowie der Applikationsform ab.
Ob es zu einer Förderung oder Hemmung des Expektorats kommt, ist nicht ausschließlich eine Dosisfrage: Bei Vorliegen einer Mischinfektion mit sekretzersetzenden Erregern können einzelne ätherische Öle bakterizid wirken, mit dem natürlich erwünschten Ergebnis, dass sich die Menge des eitrigen Sekrets vermindert. In der Vorantibiotikaära hat man von der sekretvermindernden Wirkung ätherischer Öle reichlich Gebrauch gemacht, indem man z.B. Terpentinöl inhalieren musste. In der Praxis besteht das Problem seltener darin, dass die Dosis u.U. zu hoch gewählt wird: Der wohl häufigere Fall ist der, dass zu niedrig dosiert wird. Vor allem gilt dies für die vielen Hustensäfte, Hustentropfen, Hustenpastillen und Lutschtabletten. Auch mit dem Teeaufguss dürfte es kaum möglich sein, wirksame Dosen an den Wirkort Lunge heranzuführen.
Die ätherischen Öle gehören überwiegend zu den direkt wirkenden Expektoranzien. Dies bedeutet, sie müssen - anders als die Reflexexpektoranzien - die sezernierenden Drüsenzellen der Atemwege in ausreichender Konzentration erreichen. Die ätherischen Öle stimulieren überwiegend die serösen Drüsenzellen mit dem Ergebnis, dass sich Volumen und Zusammensetzung des Bronchialsekrets ändern; das Sekret wird flüssiger, was das Abhusten erleichtert, und die Volumenzunahme erzwingt die Abhustreflexe. Am einfachsten lassen sich ätherische Öle durch die verschiedenen Formen von Inhalationen an den Wirkort heranführen. Bei oraler Anwendung ist die Verteilung im ganzen Körper, die Metabolisierung und renale Ausscheidung eines Teils des zugeführten ätherischen Öls in Rechnung zu stellen, sodass nur ein Bruchteil die Lungen erreicht und dort ausgeschieden werden kann.
Inhalativ gut wirksam sind folgende Arzneistoffe: - Camphen, enthalten in Fenchel und Fenchelöl; - Limonen, Citral, Citronellal und Geraniol, enthalten im Melissenöl, im Zitronenöl und in Grasölen; - Pinen und Limonen, enthalten im gereinigten Terpentinöl, im Latschenkiefernöl, in Ölen aus Pinus- sowie Abies-Arten (Fichtennadelölen) und Muskatöl.
Als inhalativ nicht wirksam erwiesen sich die folgenden Arzneistoffe: Eukalyptusöl, Carvon, Cymen und Thymol (enthalten im Thymian), Anethol, Anisöl, Terpineol, Phellandren und Tolubalsam."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)