"Ausgezeichnet schöne Pflanzen mit immergrünen aromatischen
Blättern, meistens schlankem Stamme , und
besonderem Fruchtbaue sind die Cypressen, deren es nur
wenige Arten gibt: Cupressus glauca Lam. wächst in
Ostindien, C. torulosa in Butan, C. japonica und pendula
in Japan, die ganz vorzüglich schöne C. columnaris
auf den neuen Hebriden, C. turifera Kunth (die Weihrauchcypresse)
in Mexiko. Einige andere Bäume, die man
sonst zu den Cypressen zählte, sind jetzt in andere Gattungen
versetzt , wie die nordamerikanische Cupressus
disticha L., die nun Schubertia heisst. Es kann hier nur
allein die Rede seyn von:
Der Cypresse des Pluto, Cupressus sempervirens L.,
welcher ungemein schöne und zierliche Baum in Creta,
dem griechischen Archipel und vielen andern Orten im
wärmeren Europa wild wächst, bei uns aber unter freiem
Himmel nicht fortkommt. Der Baum zeichnet sich durch
seinen dicken, starken, hohen Stamm mit hartem dauerhaftem
Holze und insbesondere durch sein schlankes
Wachsthum und pyramidalische Form der Aeste vortheilhaft
aus.
Die Cypresse war dem Pluto heilig ; aus den Blättern
und Zweigen derselben flocht man diesem Beherrscher
der Unterwelt seine Kränze, man hielt sie für einen unglücklichen
Baum, und brauchte sie als ein Symbol der
Trauer vielfältig bei Leichen-Ceremonien. Wo es möglich
war, verbrannte man die Leichname mit Cypressenholz,
und zwar um so lieber, da der aromatische Geruch desselben
die üblen Ausdünstungen des verbrennenden Cadaver
weniger bemerken liess.
Auch die Priester des Pluto pflegten sich mit Cypressen
zu bekränzen ; selbst die Monumente der Verstorbenen
pflegte man damit zu zieren.
Mit Cypressen bekränzt, führte man oft die Gpferthiere
zum Altäre.
In Cypressenhainen fanden sich nicht selten die Heiligtümer
der Götter, wie bei Tarrha auf den weissen
Gebirgen Candiens, und am äussersten Abhänge des Ida
in der Nähe von Knossos.
Die Cypressenhaine waren überall im Alterthum ein
Gegenstand der Achtung und Verehrung, und gerne errichtete
man in ihnen den Göttern ihre Altäre. Berühmt
ist in dieser Hinsicht der Cypressenhain bei Corinth mit
dem Tempel der Hebe.
Die Cypressen waren die Töchter des Eteocles; sie
nahmen sich heraus, mit den Göttinnen im Tanzen wetteifern
zu wollen, wurden aber von diesen in einen Sumpf
geworfen. Gaea erbarmte sich ihrer und verwandelte sie
in Bäume, schön und schlank, wie sie selbst waren.
Cyparissus, sagt eine andere Mythe, des Telephus
Sohn, Liebling des Apoll, wollte sich eines zahmen Hirsches
wegen, den er aus Unvorsichtigkeit erlegt hatte,
selbst das Lehen nehmen; Apoll aber kam ihm zuvor und
verwandelte ihn in eine Cypresse. Nach Andern war er
Liebling des Sylvanus, und wurde, unversehens getödtet,
in diesen Baum verwandelt.
Sylvanus, dessen schon oben als Gott der Anpflanzung
gedacht wurde, trägt in alten Abbildungen, wie
Achilles Statius beim Catullus bemerkt, häufig eine mit
der Wurzel ausgerissene Cypresse oder
er hält, mit Blumen bekränzt, einen Cvpressenzweig in
der Hand.
Wenn Melpomene, die Muse der tragischen Dichtkunst,
öfters mit einem Cypressenkranze geziert vorkommt,
so ist dies aus den obigen Angaben leicht zu deuten; und
wenn Eros sich seine Pfeile aus Cypressenholz schnitzt,
so liegt darin ein tiefer Sinn, denn wenig andere Pfeile
haben schon so viele Trauer und Reue bereitet, als die
des jugendlichen Gottes; und wenn endlich der Scepter
des Zeus aus Cypressenholz war, so zeigte dies an, dass
er Herr sey über Leben und Tod.
In den Höfen der Tempel des Aeskulap pflanzte man
gerne Cypressen, wohl auch nicht ohne hohe Bedeutung.
„Wir feiern — heisst es in einem hippokratischen Briefe, in
welchem von dem Tempel des Aeskulap zu Kos die Rede
ist — wir feiern ein Fest in zahlreicher Versammlung und
mit grossem Pomp bei der Cypresse des Gottes.
Anmerkung. Dem Pluto war auch der in unsern Gärten
so bekannte Buchs, der gewöhnlich zur Einfassung
der Beete benutzt wird (Buxus sempervirens L.) geweiht,
wie denn überhaupt die Phantasie des Alterthums der
Unterwelt eine meist immergrüne Vegetation zuschrieb.
Eigenthümlich ist, dass man sich hütete, der Venus Buchszweige
darzubringen; denn dadurch, glaubte man, ginge
die männliche Kraft (palaestra venerea) verloren. Es liessen
sich daran besondere Bemerkungen reihen, die aber
unterdrückt bleiben mögen."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)