"Weißdornpräparate: Die auf dem Arzneimittelmarkt angebotenen Crataegus-Präparate sind nur schwer miteinander vergleichbar. Sie unterscheiden sich nach der botanischen Drogenherkunft, d.h. hinsichtlich der Stammpflanze, welche die zu verarbeitende Droge liefert. In Frage kommen mehrere der in Europa heimischen Crataegus-Arten. Ursprünglich wurden nur zwei Arten verwendet: Crataegus monogyna und C. laevigata. Nach dem Schweizer Arzneibuch gelten nur Drogenherkünfte dieser beiden Arten als pharmakopöegerecht. Ähnlich darf nach dem Deutschen Arzneimittelkodex die unter der Bezeichnung Weißdorn DAC in Verkehr gebrachte Droge nur von den beiden genannten Arten stammen.
Für die Weißdornblätter mit Blüten kommen nach DAB9 hingegen noch weitere ARten in Betracht: C. azarolus, C. nigra und C. pentagyna. Sodann bestehen Unterschiede in den verwendeten Pflanzenteilen. In Frage kommen: Weißdornfrüchte, Weißdornblüten, Weißdornblätter mit Blüten, WEißdornblätter mit Früchten, sowie Gemische mit Blatt, Blüte und Frucht, oft auch mit Beimischungen von Stengelteilen. Unterschiedliche Gehalte können darauf zurückzuführen sein, dass die Droge zu unterschiedlichen Zeiten geerntet wird. Schließlich bestehen Unterschiede im Extraktionsmenstruum: Wasser, Mischungen Wasser-Ethanol, oder Methanol. Welche Inhaltsstoffe in welcher Menge im fertigen Arzneimittel enthalten sind, ist weitgehend unbekannt.
Frische Weißdornblätter mit Blüten von C. monogyna und C. laevigata haben einen süßlich-fruchtigen Geruch und einen leichten Geschmack. Weißdornfrüchte schmecken süßlich-schleimig. Inhaltsstoffe sind Flavone, Katechine, Proanthocyanidine, aromatische Carbonsäuren, Pentazyklische Triterpene, Xanthinderivate, mineralische Bestandteile und zahlreiche andere in geringer Konzentration enthaltene Stoffe.
Die verschiedenen Weißdorndrogen werden zu allen nur denkbaren Arzneiformen verarbeitet, deren chemische Zusammensetzung ziemlich unterschiedlich sein dürfte: Galenika (Teeaufguss, Fluidextrakt, Trockenextrakt), Weißdornpflanzensaft, Tinkturen, Dragees und Ampullen.
Im Experiment am Tier wurden folgende Wirkungen nachgewiesen: Erhöhung der Toleranz des Myokards gegenüber Sauerstoffmangel, Zunahme des Koronardurchflusses und der Myokarddurchblutung, Verbesserung der Kontraktilität des Herzmuskels. Die pharmakologischen Ergebnisse erlauben aber nur bedingt Rückschlüsse auf vergleichbare Wirkungen am Menschen. Crataegus-Präparate sind keine spezifischen Arzneimittel zur Behandlung akuter Krankheiten, sondern in erster Linie Vorbeugungsmittel, um die Weiterentwicklung einer kardiovaskulären Vorschädigung zu verlangsamen.
Anwendungsmöglichkeiten sind: leichte stenokardische Beschwerden, funktionelle Herzbeschwerden, adjuvant zum physikalischen Ausdauertraining im Alter und vor ungewohnten körperlichen Belastungen. Nebenwirkungen sind keine bekannt."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)