"Es ist dies die weisse Lilie, Lilium candidum L., als Zierpflanze in unsern Gärten so oft gezogen und geschätzt; auch im Alterthum wurde sie in hohen Ehren gehalten, wie man denn Lilien mit Rosen gemischt für die grösste Zierde hielt.
Als Herkules, sagt eine Mythe, ein Sohn der Alkmene und des Jupiter, der Unsterblichkeit theilhaftig werden sollte, liess ihn Zeus an den Brüsten der schlafenden Juno saugen ; reichlich sog das robuste Kind die Milch zu sich, und verschüttete noch Vieles davon auf die Erde (die Milchstrasse) , aus dieser Flüssigkeit der Herrscherin des Olymps entsprosste die Lilie. Darum hiess diese Blume auch die Rose der Juno (Junonia rosa) oder auch die göttliche Blume, weil sie alle übrigen an Höhe, Eleganz und Ansehen übertrifft. Venus, neidisch über das blendende Weiss und die Schönheit dieses Gewächses, das gleichsam in einen Wettstreit mit ihr sich einlassen kann, liess in der Mitte der Blume einen Auswuchs hervor stehen, der an die Ruthe des Esels erinnern soll.
Die Lilie sieht man in der Hand der Juno, der Venus und zugleich der personifizirten Hoffnung (Spes); denn, sagt Winkelmann , die Blume verspricht Frucht, folglich die Hoffnung des Genusses. Auch Satyrn kommen bisweilen mit Lilienkränzen geziert vor.
Die Lilie ist sonst noch ein Symbol der Reinheit, Keuschheit und Jungfrauschaff und wird als solches öfters auch in neueren Zeiten angeführt.
Allegorisch wurde die Schamhaftigkeit (Pudicitia) als ein Frauenzimmer in weissem Gewand, mit einem Schleier verhüllt, eine weisse Lilie haltend, abgebildet.
Nicht minder galt sie als ein Symbol der Schönheit; namentlich trug die Stadt Susa in Persien die Lilie in ihrem Wappen, entweder weil dort diese Pflanze selbst wild wächst, oder, wie Andere wollen, wegen der Schönheit und Annehmlichkeit ihrer Lage.
Viele Jahrhunderte lang trugen Frankreichs Könige drei Lilien in ihren Wappen, seitdem Clodovich auf Antrieb seiner Gemahlin Clotilde, sich zum Beschützer des christlichen Glaubens erklärte.
Anmerkung: Auch die sogenannte türkische Lilie, oder der Türkenbund, Lilium Martagon L., eine oft in den Gärten kultivirte, aber auch in Deutschland wild wachsende bekannte Pflanze, durch ihre gelbrothe, punktirte, zurückgeschlagene Blumenblätter ausgezeichnet, gehört zu den Kranzgewächsen der Alten.
Dasselbe gilt von dem schönen, in dem Orient und in Ungarn einheimischen Lilium chalcedonicum L., die Hemerocallis der Alten, mit ihren purpur- oder blutrothen, schwarz punktirten Corollen."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)