"Wermutkraut: Die Droge besteht aus den getrockneten Blättern und den Zweigspitzen der zur Blütezeit geernteten Pflanze von Artemisia absinthium. Der Erntezeitpunkt ist für die Drogenqualität wichtig. Mit dem Übergang der Blüte zur Fruchtreife ist eine Umstimmung der Stoffwechselvorgägne verbunden, die sich oft in einem Ansteigen oder auch Absinken pharmazeutisch interessierender Stoffe äußern kann. Beim Wermut steigt mit dem Vollerblühen der Bitterstoffgehalt auf annähernd das Doppelte.
Die Droge riecht beim Zerreiben durchdringend aromatisch, der Geschmack ist aromatisch und intensiv bitter. Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl (0,2-0,6%) mit Thujon (Wermutöl italienischer Herkunft aus A. pontica enthält an Stelle von Thujon Ocimen), , Bitterstoffe (0,15-0,4%, v. a. Absinthin), Sesquiterpene und lipophile Flavone. Wermutkraut wird zu Tinkturen und Extrakten verarbeitet, dient zur Gewinnung des ätherischen Öls für die Parfümindustrie, und zur Herstellung von Wermutwein. Anstelle des "grand absinth" wird vielfach auch der "petit absinth" aus A. pontica (römischer Wermut) herangezogen. Auch ist es üblich, weitere aromatische Kräuter - wie Pomeranzenschalen, Enzian, Nelken, Zimt, römische Kamille - zuzusetzen.
Die Droge regt reflektorisch die Magensaft- und Gallensekretion an. Sie findet Anwendung bei Appetitlosigkeit und postinfektiösen Schwächezuständen, oder bei unspezifischen Essensunverträglichkeiten, sowie bei krampfartigen Magen-Darm-Galle-Störungen. Entsprechende Präparate gibt es als Tee, Tinktur oder Fertigarzneimittel in Liquidaform. Wenn Wermut in zu konzentrierter Form oder über zu lange Zeit hinweg eingenommen wird, kann eine Abneigung gegen die Droge entstehen, sodass einer Vergiftung durch das Thujon nicht zu befürchten ist. Das bitterstofffreie Absinthöl darf heute nicht mehr zu Drogen verarbeitet werden, daher kommen chronische Vergiftungen kaum noch vor. Wermutweine sind in dieser Hinsicht unbedenklich.
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)