"Weißwurtz würt in Griechischer und Lateinischer spraach Polygonatum geheyssen. In den Apotecken unn von den gemeinen kreütlern Sigillum Solomonis. Hat aber seine namen fast alle von der wurtzel überkommen / die do weiß ist / unnd vil gleych / gewerb / oder knöpff hat.
Der Weißwurtz seind zweyerley geschlecht. Eine mit breyten blettern / die ander mit schmalen. Seind sonst schier einander gleich / wie wir nachvolgens wöllen klärlicher anzeygen.
Die breyte Weißwurtz hat einen runden zarten stengel / zu beyden seiten mit schönen grüne blettern bekleydt / welche den Lorbeerbaum blettern gleich seind / aber breyter unn gletter / ettwan zehen oder zwölff an einem yeden stengel / am geschmack den Kütten änlich / dann sie zusame ziehen. Zwüschen den blettern wachsen schöne weisse / mit grün vermischt / blumen / die seind gestalt wie die langen schellen / und werden derselbigen an der zal allwegen mehr dann der bletter / dieweil auß yedem winckel der bletter zwo / drey / vier / oder mehr blume schlieffen. So sie verblüet haben / werden darauß runde körner / die seind erstlich grün / darnach aber werden sie schwartz. Die wurtzel ist weiß / weych / lang / knöpffecht / fingers dick / mit vilen angehenckten zaseln. Die schmal Weißwurtz ist der yetzgemellten etwas gleich / hatt aber vil schmelere bletter / unnd derselben bey einem yeden gleych fünffe. Die blumen seind grünlechter dann an der breyten. Die körner oder knöpff seind brauner. Die wurtzel nit so groß / und knöpffecht wie die erste.
Beyde geschlecht der Weißwurtz wachsen auff den bergen / unnd inn den wälden.
Beyde Weißwurtz blüen im Meyen / zu welcher zeit man sie samlen mag.
Weißwurtz hat ein vermischte natur / zeücht zum teyl zusamen / und ist auch etwas bitter / räß oder scharpff.
Die wurtzel grün zerstossen unnd übergelegt / heylet die wunden. Vertreibt auch allerley mäler und flecken des angesichts / und auch sonst am leib. Deßgleichen thut auch die dürr wurtzel in wasser gesotten / und darnach tüchlin im gedachtem wasser genetzt / und darmit gewäschen."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)