"Wein, Vinum.
Dieses köstliche und beliebte Getränk wirkt teils durch seinen Alkoholgehalt aufregend, erwärmend, erquickend, belebend, in großen Dosen, gleich dem Branntwein, berauschend, teils wegen seiner fixen Bestandteile (Oenanthsäure, Zucker, weinsaures Kali) schleimauflösend und magenstärkend.
Zum ärztlichen Gebrauch dienen besonders die feinen Bordeauxweine; bei Hypochonder, mit Magenschwäche, Flatulenz, bei chronischem Schleimhusten, bei Keuchhusten, Darrsucht der Kinder und Greise sind die süßen spanischen und italienischen Weine: Madeira, Malaga, Xeres, Frontignac, Pedro Ximenes, Tinto u. s. w. vorzuziehen.
Über den diätetischen Gebrauch des Weins ist schon oben geredet; wir betrachten daher nur noch die speziellern Fälle, wo der Wein als Heilmittel dient, dann oft unersetzbar ist, und allein das Leben rettet.
1) Als belebendes, erquickendes Mittel (Analepticum) bei sensiblen, schwachen, nicht vollsaftigen Frauenzimmern, wenn sie nach einer schweren Geburt, nach übermäßiger Körper- und Geistesanstrengung: Strapazen auf Reisen, Nachtwachen, durch Mangel an Schlaf, übermäßiges Studiren u. s. w. in Schwäche, Ermattung und Ohnmachten versinken. Bei allen Mutterblutflüssen, sei es im Wochenbette, gleich nach der Geburt des Kindes, oder außerhalb des Wochenbettes (entstanden durch Abortus, durch krankhafte Beschaffenheit der Gebärmutter, durch die Tendenz des Zurücktretens des Geschlechtslebens in der Zeit der Decrepitität u. s. w.), ist ein guter alter, edler Wein (Vinum generosum), zumal alter Rhein- oder Franzwein in den Fällen höchst notwendig zur Lebensrettung, wo durch den bedeutenden, schwächenden Blutverlust Kälte des Gesichts und der Glieder, sehr kleiner oder fehlender Puls, eine bedeutende Gesichtsblässe, Ohnmachten und Konvulsionen eintreten.
2) In schlimmen Nervenfiebern, ansteckenden Hospital- und Faulfiebern, Typhus, bösartigem, zurückgetretenem Scharlach, Masern, Pocken, wo Schlummersucht, Krämpfe, Gefühllosigkeit, schrecklich stinkende Durchfälle, Durchliegen, Brand, Stumpfsinn, Bewußtlosigkeit u. s. w. zugegen sind, rettet guter, alter Wein, im Notfall Branntwein, oft allein noch das Leben.
3) Gegen plötzlich und heftig auftretende Zahnschmerzen, rheumatisches Kopfweh und solche Gliederschmerzen bei Erwachsenen kenne ich kein besseres Mittel, als alle Viertelstunden 15—20 Tropfen safranhaltige Opiumtinktur mit ein bis zwei Gläsern Wein, bis sich die Schmerzen geben und Müdigkeit erfolgt. Es stellt sich bald Schlaf und starker Schweiß ein, und am anderen Morgen ist der Kranke genesen. Grosse Dosen Opium und zwei bis drei Flaschen Wein binnen 24 Stunden gereicht, retten bei dem rheumatischen Starrkrampf (Tetanus) oft allein noch das Leben.
4) Bei schwachen Personen mit Atrophie, Rachitis, mit Dyscrasia scrophulosa, chlorotica, arthritica sind die weißen Franzweine als die Dyskrasie entfernende und Säfte verbessernde Mittel von hohem Werte.
5) Wein und Wasser ist für schwache Fieberkranke ein beliebtes Getränk in Frankreich.
6) Guter Wein schützt, so wie andere geistige Getränke, vor Ansteckung bei Pest, gelbem Fieber, Typhus u. s. w., teils, weil er die Furcht, angesteckt worden zu sein, verscheucht, teils weil er auf den Schweiß und Harn wirkt und dadurch den Ansteckungsstoff nicht selten aus dem Körper entfernt, so dass nur ein Gefühl von Mattigkeit, nicht aber die ansteckende Krankheit selbst eintritt.
7) Der Wein ist aber nicht allein ein Schutzmittel vor vielen ansteckenden Krankheiten, sondern auch ein Heilmittel derselben. Eine halbe, ja eine ganze Flasche guten Drymadeira half hier mehreren Männern rasch von der orientalischen Brechruhr, indem Körperwärme und Schweiß eintraten; ja in Glasgow heilt man den dort oft sehr bösartig auftretenden, ansteckenden Typhus am besten mit Portwein. Jeder Typhuskranke hat im dortigen Hospitale seine Flasche starken Portwein neben sich stehen.
8) Bei nicht vollsaftigen jungen, sondern alten, schwächlichen, mit Wassersucht behafteten Personen wirken drei bis vier Gläser Aar- oder Moselwein sehr gut harntreibend. Diese Weine, mit Selterser Wasser vermischt getrunken, treiben, wie v. Gräfe versichert, selbst Gries und Steine ab.
9) Der Champagnerwein hat schon manchem Menschen das Leben gerettet! Er beruhigt vermöge seiner Kohlensäure und seines Aroma die Magennerven und Abdominalganglien, dient bei der schlimmen Cholera, bei Magenkrampf, Krampferbrechen, besonders aber bei dem nach dem Magen zurückgetretenen Podagra, wo alle gefährlichen Zufälle: Würgen, Erbrechen, Krämpfe, Ohnmachten, höchster Grad von Schwäche u. s. w. nach einer Flasche weißen Champagner, auch moussierendem Burgunder, H. Peray und Sillery, oft schnell verschwinden."
(Georg Friedrich Most: Enzyklopädie der Volksmedizin von 1843)

"Weine, arzneiliche.
Wir vervollständigen hier den früheren Artikel. Ein kräftiges Stärkungsmittel ist noch
6) Autenrieth's Schuhnägelwein; Dieser bekannte große Tübinger Arzt empfiehlt genannten Wein besonders gegen die Bleichsucht junger Mädchen. Die Bereitungsweise ist folgende: Von neuen, kleinen Schuhnägeln (die das weichste Eisen haben) füllt man ein Viertelpfund in einen steinernen Mineralwasserkrug, gießt etwas Essig darauf, füllt ihn mit Wasser und digeriert ihn einige Tage lang in der Sonne: ebenso verfährt man mit einem zweiten Kruge. Man nimmt davon ein kleines Trinkglas, mit Wein vermischt, den Tag über, füllt den Krug wieder mit Wasser und wechselt täglich mit den Krügen. Nach und nach steigt man zu einem halben bis ganzen Schoppen mit der Hälfte Wein.
7) Wurmwein. Folgender Wein, welcher täglich ein- bis zweimal zu zwei bis drei Esslöffel voll, vom Tage des Vollmondes bis zu dem des letzten Viertels, Morgens nüchtern von Erwachsenen gegen Band- und Spulwürmer (Kinder nehmen nur einen Esslöffel voll) genommen wird, hat mir ausgezeichnete Dienste geleistet. Man nehme eine Flasche guten, alten Franzwein, tue zwei Lot Zittwersamen, ein Lot Kalmus- und eben so viel Valerianawurzeln, Alles grob zerstoßen, hinzu, setze den Wein in die Sonne und lasse das Ganze darin 48 Stunden digerieren, worauf es durchgeseiht und mit vier Lot Honig vermischt wird.
8) Gichtwein. Er besteht aus Rosmarin, Melisse und Salbei, von jedem zwei Lot, Chinawurzel ein Lot, Nelken, Päonie und Enula, von jedem sechs Quäntchen, Zimt, Ingwer, Galgant und Wacholderbeeren, von jedem drei Lot, Pottasche ein halbes Lot. Sämtliche Ingredienzien werden gröblich pulverisiert und einige Tage mit drei Flaschen gutem Wein in der Wärme digeriert. Dosis: zwei- bis dreimal täglich ein halbes Weinglas voll.
9) Hippokrat's Kräuterwein für Brustkranke. Es werden Isop, Andorn, Minze, Alantwurzel, Süßholz, Feigen und Korinthen in gutem Wein infundiert und Zucker zugesetzt.
10) Mynsicht's Stahlwein. Man gibt zu drei Pfund Malvasierwein zwei Lot, mit Tamarindenessig bereitete Stahlfeile, Skorzonerwurzel und Weinsteinsäure, Zimt, Galgant und Nelken, von jedem ein Lot, und stellt Alles zwei Tage an einen warmen Ort, worauf es filtriert und zum Gebrauch aufbewahrt wird.
11) Debreyne's diuretischer Wein. Bei der Wassersucht alter, torpider, nicht an entzündlichen Zuständen leidender Personen verordnet D. folgenden Wein: Fünf Quäntchen Salpeter, acht Skrupel Jalappe und eben so viel Meerzwiebel werden mit zwei Pfund weißem Wein 24 Stunden lang mazeriert. Dosis: zuerst täglich drei Esslöffel voll, nach zwei Tagen sechs Esslöffel voll, nach zwei Tagen neun Esslöffel voll, und so fort, wenn keine Kolik, kein zu starkes Erbrechen und Purgieren folgen; sieben bis acht Stühle in 24 Stunden sind genug. Der Kranke darf so wenig als möglich trinken, kann aber zur Stillung des Durstes saftige Früchte gemessen. Für leichtere Fälle von Wassersucht, so wie gegen geschwollene Füße lobt D. einen Wein aus einem Lot Salpeter und vier Lot Wacholderbeeren, welche mit einer Flasche Wein 24 Stunden mazerieren. Der Kranke trinkt davon dreimal täglich ein kleines Weinglas voll."
(Georg Friedrich Most: Enzyklopädie der Volksmedizin von 1843)

"Weinessig. ... Seine Bestandteile sind: reine Essigsäure, Weingeist, Wasser, Kali, Schleim und Kleber. Ein guter Weinessig muss wasserhell, weingelb, rötlich sein, erfrischend riechen und angenehm sauer schmecken. Ist er mit Schwefelsäure verfälscht, so macht eine Auflösung von essigsaurem Baryt darin einen weißen Niederschlag."
(Georg Friedrich Most: Enzyklopädie der Volksmedizin von 1843)