"Unter Griechenlands mildem Himmel trug vor Jahrtausenden
schon der Weinstock [Vitis vinifera L] seine
herrlichen Früchte ; zu einer Zeit wo Teutschland mit
Wäldern bedeckt, und seine rohen Bewohner kein anderes Getränk als das Wasser der Quellen oder die
Milch der Herden kannten, trank der verfeinerte Grieche schon den köstlichsten Rebensaft als ein gemeines
Getränke und stärkte seine Kranken mit den ausgewähltesten
Sorten der vorzüglichsten Weine.
Die Trauben werden von den Hippokratikern für
warm, anfeuchtend und vorzüglich die weißen für purgirend
gehalten. Die süßen Trauben sehen sie als sehr
erhitzend an , jedoch nur wenn sie ganz reif sind , dagegen
die unreifen desto stärker purgirten . Den
Rosinen wird eine erhitzende , auf den Stuhlgang wirkende
Eigenschaft zugeschrieben , auch bemerkt,
dass sie stärkten, jedoch Schleim erzeugten ; ungemein
oft werden sie in den hippokratischen Schriften
genannt, und unter andern besonders die weißen gegen
Gelbsucht gerühmt , auch äußerlich in Breiumschlägen
zu brauchen angerathen.
Der Saft unreifer Trauben, wurde oft
jedoch fast immer äußerlich angewendet, besonders
bei Augenkrankheiten . Auch wurden mehrere Mittel
gegen Augenkrankheiten mit Most zubereitet.
Bei Wunden wurde ebenfalls der Saft unreifer Trauben
angewendet.
Bei Diarrhoen wird ein aus Traubenblüthe
bereiteter Trank angerathen , sodann diese Blumen
in einigen Fällen auch äußerlich angewendet.
Die Ueberbleibsel nach dem Keltern wurden bisweilen gebraucht, und daraus ein Trank bei
Kolikschmerzen , so wie bei hitzigen Fiebern bereitet. Die wässrige Flüssigkeit, welche im Frühjahr
aus verwundeten Rebenzweigen fließt, rieb man mit
Oehl vermischt auf Stellen der Haut ein , die man
gerne von Haaren entblößen möchte.
Die Blätter und Ranken der Weinrebe sind in dem
Buche von der Natur der Frauen äußerlich zu Wiederherstellung
der Menstruation angerathen , und auch
selbst in einigen Fällen , die daraus bereitete Asche
angeordnet.
Der Wein, war bei den Griechen ein gewöhnliches
Getränk, er wird daher ungemein oft in
den hippokratischen Büchern genannt, und kaum von
der Heilung irgend einer Krankheit ausführlich gesprochen
, ohne dass nicht zugleich gesagt würde , wie es
in Hinsicht des Weins gehalten werden müsse.
Die Hippokratiker sehen den Wein im Ganzen für
warm und trocken an, schreiben ihm aber doch etwas
eröffnendes zu. Dunkle und herbe Weine , heißt es,
sind trocken und eröffnen nicht, noch wirken sie auf
den Urin oder den Auswurf, sondern sie trocknen den
Körper aus und erhitzen ihn, indem sie ihm die Feuchtigkeit
benehmen. Weiche, dunkle Weine sind feuchter , erregen Blähungen , wirken aber auf den Stuhlgang.
Süße dunkle Weine sind feuchter , erwärmen
aber und blähen auf. Weiße herbe Weine erwärmen
, wirken aber mehr auf den Urin , als auf den
Stuhlgang. Neue Weine nähren und purgiren um so
mehr, je näher sie dem Zustande des Mostes sind.
Dicke Weine nähren mehr als leichte, letztere wirken
mehr auf den Uriu und Stuhlgang, feuchten den Körper
an, verdünnen das Blut, dagegen die anderen dasselbe
vermehren. Der Most erregt Blähungen, Poltern
im Unterleibe und Durchfall. Saure Weine kühlen
und feuchten an.
Die Griechen tranken den Wein selten rein , von
welcher Sitte auch einige Spuren in den hippokratischen
Schriften vorkommen, wo zuvörderst von einem
durchgeseihten Weine die Rede ist, über den Foesius
in der Oeconomia Hippocratis ausführlich
spricht. Gewöhnlich war auch das Vermischen mit
Wasser, welches Staphylus, Sohn des Sithenus zuerst
eingeführt haben soll. Hesiodus wollte , dass drei Theile
Wein mit einem Theile Wasser, Anakreon aber, dass
zwei Theile Wasser zu einem Theile Wein gemischt
werde. — Gleiche Theile Wasser und Wein empfiehlt
Hippokrates als ein Mittel gegen Schaudern , Gähnen
und Angst ; soll der Wein zu
Löschung des Durstes dienen, so darf er nur mit Wasser
und ganz kalt getrunken werden . Vor dem
plötzlichen Uebergange vom Wein- zum Wassertrinken
warnt Hippokrates, ja er bemerkt selbst, dass, wer
gewöhnlich weißen Wein trinke, nicht ohne merkliche
Veränderungen im Körper zu einem andern übergehen
könne ; je nach der Gewohnheit werde der Wein
dem einen ein Nahrungsmittel seyn , dem andern aber
nicht . Das Trinken des reinen Weines, heißt
es an einer Stelle , besonders wenn es zu häufig
geschieht , bewirkt allezeit Körperschwäche , indessen
werden doch gewisse Theile vorzugsweise angegriffen.
Nur im Winter, sagt ein anderer Autor, soll man ganz
unvermischten Wein trinken.
Das Einkochen des Mostes war bei den Griechen
längst eingeführt.
Zu jenen Zeiten kannte man schon eine nicht kleine
Zahl von Varietäten des Weinstocks, wie aus den mancherlei
Verschiedenheiten des Weins hervorgeht, deren
die Alten gedenken , wozu noch die Veränderungen
kommen, welche Klima und Boden verschiedener
Orte in dem Weinstocke und dem daraus erhaltenen
Weine hervorbringen. Außer den Unterschieden, die
von Farbe , Geschmack und Consistenz herrühren , werden
noch folgende besondere Weine genannt: nämlich
Wein aus Creta , Tornischer Wein , ferner aus
Thasien , aus Mendos in Aegypten , aus Kos, dem
Vaterlande des Hippokrates und endlich pramnischer
Wein, aus der Gegend von Smyrna.
Wenn gleich die Griechen sich des Weins so häufig
bedienten und ihn fast in allen Krankheiten , zum
Theil selbst in solchen reichten, wo wir ihn heut zu
Tage durchaus nicht geben würden , so finden sich im
Ganzen doch nur wenige krankhafte Zufälle, die man
allein mit Hilfe des Weins zu beseitigen gesucht hätte,
wovon doch einige hier anzuführen sind. Wenn Purgirmittel
zu heftig wirkten, so suchte man den Kränzen
durch Wein wiederum herzustellen ; Knaben,
die an Steinbeschwerden litten, ließ Hippokrates einen
sehr leichten Wein trinken , wobei zu bemerken,
dass Plato jungen Leuten unter 18 Iahren nicht einmal
den Wein zu versuchen erlaubte, obgleich er Erwachsenen
zuließ, sich jährlich einmal zu betrinken, dagegen
Mnesitheus, ein atheniensischer Arzt ihn immerhin
nur bis zur Heiterkeit zu trinken anrieth. Ein hippokratischer
Schriftsteller gibt den Rath , bei Fieberschauer
und Kopfweh sich zu betrinken . Aeußerlich
bediente man sich auch des Weins zur Heilung der
Geschwüre . Selbst Weinhefe wurde in einigen Fällen
gebraucht.
Bei großer Eingenommenheit des Kopfes und Delirien
widerräth Hippokrates den Gebrauch des Weins ,
ebenso bei Ansammlungen von Galle und Geschwülsten
der Leber und Milz.
Endlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass man
bisweilen den Wein mit Honig, ja selbst mit Milch, vermischt zu
brauchen anrieth.
Hieher gehört nun zuletzt noch der Essig, dessen man sich nicht selten innerlich und äußerlich
bei Krankheiten bediente ; die Hippokratiker nennen
ihn im Allgemeinen kühlend , und glaubten er verstopfe
eher den Stuhlgang, als dass er ihn eröffne.
Bei Blutbrechen ließ man Essig mit Wasser vermischt
zum gewöhnlichen Trank nehmen ; bei hysterischen
Anfallen reichte man warmen Essig . Aeußerlich
wurde er gegen das Jucken der Haut gebraucht, so
wie bei Wunden und Sugillationen ; bei der Bräune
ließ man Essigdämpfe einathmen ; zur Zertheilung
der Blutaderknoten machte man Ueberschläge davon
und brauchte ihn auch zum Reinigen der Geschwüre ,
so wie zum Abwaschen der Theile, welche geschröpft
worden waren.
Essig wurde mit Honig vermischt , welche Mischungen auf verschiedene Weise
bereitet wurden , die Galen angibt und Foesius zusammengestellt
hat . Dieser Sauerhonig war den Hippokratikern
ein äußerst wichtiges Mittel , von dem
Hippokrates selbst sagt, dass er in acuten Krankheiten
mannigfaltigen Nutzen gewähre, er befördere den Auswurf,
erleichtere die Respiration, besonders warm und
mäßig gegeben , zumal wenn die Mischung nicht zu
scharf ist, wo sie die Wege des Schlingens anfeuchte,
den Durst lösche , den Abgang der Blähungen befördere
, auf den Urin wirke u. s. w. Im Winter soll
man den Sauerhonig warm , im Sommer kalt geben,
und bei großem Durst noch mit Wasser vermischen .
Auch bei Wundfiebern ließ man ihn trinken.
Schließlich ist auch noch zu bemerken, dass die
Hippokratiker sich bisweilen der wilden Weinrebe bedienten. Ein aus der Blüthe bereiteter Trank
wird bei Diarrhöen angerathen , äußerlich wurde
sie bei Geschwüren , namentlich des Uterus angewendet.
Anmerkung: Es ist mir nicht unbekannt, dass Sibthorp
die wilde Weinrebe des Dioscorides auf Clematis
Vitalba L. bezieht; allein dass
man diese in Tränken gegeben haben soll , ist mir
nicht wahrscheinlich, dagegen sie allerdings zur Heilung
mancher Geschwüre schiklich wäre."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)