"Vitis vinifera
"Vitis vinifera ist ein so allgemein bekanntes Gewächs, von welchem seiner Nützlichkeit
wegen eine sehr zahlreiche Menge von Spielarten gebauet werden, so, dass ich mir die frage,
welche von allen diesen Spielarten ich zum Abbilden wählen sollte, nicht befriedigend beantworten
konnte. Bey dieser Verlegenheit hielt ich es den Umständen gemäß am zweckmäßigsten, einen
blühenden Zweig von dem wilden Gewächs, Vitis vinifera sylvestris , als Mutterpflanze jener
Spielarten, zu geben, die Frucht hingegen von der weniger bekannten Spielart, welche die
Corinthen oder kleine Rosinen, Passulae minores giebt, und Vitis vinifera apyrena
heißt, weil sie die Samen verwirft. Sie kommt mit schwarzblauen stark ins Rothe fallenden und
auch weißlichen Beeren vor, und steht, wegen der geringen Größe der Beeren, dem wilden Gewächs
sehr nahe. Die großen Rosinen, Passulae majores , unter denen wir die smyrnischen,
spanischen und calabrischen unterscheiden, kommen von Spielarten mit größern,
mehr oder weniger länglichen Beeren.
Der aus den Trauben oder bloß aus den abgesonderten Beeren derselben gepresste Saft giebt
durch die Gährung und genugsam lange Aufbewahrung, bey zweckmäßiger Behandlung, das edelste
aller Getränke, den Wein, Vinum. Die Güte des Weines ist nach der verschiedenen Spielart
des Gewächses, der Cultur und des Vaterlandes desselben in Rücksicht des Klima, der Lage
und des Bodens, ferner nach den Jahren in Rücksicht der Witterung und der davon abhangenden
Reife der Frucht sehr verschieden, und hängt auch vorzüglich von der Behandlung, der Pflege
und dem Alter ab. Zum Arzneygebrauch werden hauptsächlich folgende Weine angewendet,
als: i) weißer Franzwein, Vinum gallicum album, 2) rother Franzwein, Vinum gallicum
rubrum, 3) spanischer Wein, Vinum hispanicum , 4) Malaga wein, Vinum malacense,
und 5) Rheinwein, Vinum rhenanum.
Aus den nach dem Pressen der Trauben übriggebliebenen Trestern erhält man in Frankreich
durch Gährung, Zusatz der Weinhefe und durch nachherige Destillation den Franzbranntwein,
Spiritus vini gallici, und so auch in den Rheinländern auf gleiche Weise den rheinischen
Branntwein, Spiritus vini rhenani.
Bey der Aufbewahrung des Weines setzt sich in den Fässern eine krystallinische Rinde ab,
die unter dem Namen des rohen Weinsteins, Tartarus crudus bekannt ist. Je nach dem
der Wein weiß- oder rotlh ist, wird auch weißer, Tartarus albus, oder rother Weinstein,
Tartarus ruber, erhalten. Aus dem rohen Weinstein geht dann durch zweckmäßige Behandlung
der gereinigte Weinstein, Tartarus depuratus hervor, der entweder als Weinsteinkrystalle,
Crystalli Tartari, oder als Weinsteinrahm, Cremor Tartari, erscheint.
In neurer Zeit hat man auch aus den Wickelranken der Weinrebe ein Extract, Extractum Pampinorum Vitis bereitet, welches wider das Hüftweh angewendet wird."
(Gottlob Friedrich Hayne: Getreue Darstellung und Beschreibung der in der Arzneykunde gebräuchlichen Gewächse. Zehnter Band. 1827)