"Edelweinrebe, Vitis vinifera L.
mit Blättern, die in fünf Einschnitte, und diese wieder in tiefere getheilt sind, von denen der mittlere der längste und breiteste ist, auf der untern Fläche mit mehr oder weniger einzelnen feinen Haaren besetzt, ein in gemäsigten Erdstrichen einheimischer, bis zum 52sten Grade ausdauernder, bekannter Strauch mit fast unzähligen Abänderungen.
Der aus den saftigen süßen Beeren gedrückte Most wird durch von selbst erfolgende Gährung zu einer Flüssigkeit, welche eine mit Weingeist versüßte Essigsäure zu seyn scheint, nämlich zu Wein (vinum), wovon man von Zeit zu Zeit mehrere Sorten zu arzneilichen Absichten angewendet hat. In gehöriger Gabe ist er eine aufheiternde, Nervenkraft erhebende, belebende Arznei vom ersten Range, in allzu großer aber erhitzt und betäubt er giftartig.
Die an der Sonne getrockneten Beeren, die Rosinen (Passulae majores, Uvae massilioticae, Uvae passae majores), enthalten den unveränderten Most in konzentrirter Gestalt. Sie sind, wie letzterer, ihrer schleimigen und zuckerartigen Theile wegen, als ein Husten linderndes, Leib eröfnendes Mittel gebraucht worden.
Die ganz große Sorte, die Zibeben (Zibebae, Uvae passae maximae, Uvae damascenae), sind fast einen Zoll lang, und breit, gelbbraun, wie mit Zuckerstaub besprengt, sehr süß, und haben wenig Kerne. Man bedient sich ihrer wie letzterer, zu Laxier- und Brusttränken.
Den im Frühlinge aus den verschnittenen Reben träufelnden, geschmacklosen, unkräftigen Saft (Rebenwasser, lacrymae vitis,) rühmten die Alten gegen alle Arten äusserlicher und innerlicher Entzündungen.
Die herbsäuerlich schmeckenden Blätter (fol. vitis. Pampini) wurden von ihnen frisch ausgepreßt, im Heißhunger, Ruhr und andern Krankheiten angewendet, wo man anhaltende und kühlende Dinge nöthig hatte, und die schwach, aber höchst angenehm riechende Weinblüthe (flor. vitis) priesen sie als ein herzstärkendes Mittel."
(Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon von 1793)

"Agrest, (Agresta, Omphacium, Verjus,)
der aus unreifen Trauben gepreßte Saft. Kurz vor ihrer Reife gepflückte, von ihren Stielknöpfchen sorgfältig befreite, Weinbeeren einer großen Art, werden in einem hölzernen oder steinernen (nicht marmornen) Mörsel mit einer hölzernen Pistille dergestalt zerquetscht, daß die Kerne darin nicht zerstoßen werden, dann in einem leinenen Sacke ausgepreßt (Auspressen), der Saft mit etwas roher Milch (auch drei Pfund Saft etwa ein Quentchen ungesottene Milch) vermischt, und an einem kühlen Orte etwa zwölf bis funfzehn Stunden stehn gelassen. Die Milch gerinnt und nimmt alle Unreinigkeiten in Flocken zu sich. Nun seihet man den Saft durch einen tuchenen Spitzbeutel, füllt ihn in gläserne Flaschen, gießt etliche Tropfen Baumöl darüber, verkorkt sie wohl, und hebt sie im Keller auf.
Dieser ganz helle Saft hält sich über zwei Jahre. Er giebt zu allen Jahrszeiten eine sehr erquickende, angenehme Kühlung in hitzigen, vorzüglich in Krankheiten ab, wenn er mit Zucker und Wasser vermischt getrunken wird.
Die Aerzte in alten Zeiten bedienten sich seiner häufig und mit großem Vortheile. Es ist Schade, daß man sich in Deutschland denselben wenig oder gar nicht mehr zunutze macht; fast blos in Frankreich ist er noch im Gebrauche.
Auch lösete man ehedem zwei Drittheile feinen Zucker in diesem Safte auf, und dickte ihn zum Agrestsirup (Sirup. agrestae, s. de agresta) ein; aber auch dieser ist nicht mehr üblich."
(Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon von 1793)