"[I.56. - Die Bereitung des Weinblüthenöls] - Vitis vinifera (Vitaceae) - Weinrebe
Die wohlriechende Blüte des Weinstockes lass welken, wirf sie in Öl von unreifen Oliven und rühre und schütte durch; lass zwei Tage stehen, presse es dann aus und setze es weg. Es hat adstringirende Kraft ähnlich dem Rosenöl, außer dass es den Leib nicht öffnet und erweicht. Der beste Beweis für seine Echtheit ist das Auftreten des Geruchs nach Weinblüte."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.1. - Weinstock] - Vitis vinifera (Vitaceae) - Weinrebe
Die Blätter und Ranken der Wein tragenden Rebe, fein gestossen als Umschlag, lindern Kopfschmerzen, mit Graupen Entzündung und Brand des Magens; auch für sich allein aufgelegt sind sie kühlend und adstringirend. Auch der aus ihnen geprosste Saft hilft, getrunken, bei Dysenterie, Blutauswurf, Magenschmerzen und falschem Appetit schwangerer Frauen. Dasselbe aber leisten die in Wasser macerirten und getrunkenen Ranken. Die gummiartige Thräne desselben, welche sich unten am Stamm ausscheidet und erhärtet, zertrümmert den Stein, wenn sie mit Wein genommen wird. Eingestrichen heilt sie auch Flechten, Krätze und Aussatz, man muss aber vorher die Stelle mit Natron reinigen. Mit Oel dauernd eingesalbt vertreibt sie die Haare, besonders (thut dies) auch die aus den angebrannten Zweigen ausschwitzende Flüssigkeit; aufgestrichen bringt diese auch Warzen weg. Die Asche ferner der Zweige und Trester, mit Essig aufgeschmiert, heilt die am After gebildeten Geschwülste und Feigwarzen. Die Trester endlich helfen bei Verrenkungen, Schlangenbiss und Milzentzündungen, wenn sie mit Rosenöl, Raute und Essig angewandt werden."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.2. - Wilder Weinstock] - Vitis silvestris oder labrusca (Vitaceae)
Die wilde Rebe ist zweifacher Art; die eine nämlich bringt die Frucht nicht zur Reife, sondern nur bis zur Blüthe, sie trägt die sogen. Oinanthe, die andere ist kleinkernig, schwarz und adstringirend und bringt die Früchte zur vollen Reife. Ihre Blätter, Ranken und Stengel habe dieselbe Kraft wie beim zahmen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.3. - Weintraube]
Jede frische Weintraube beunruhigt den Bauch und bläht den Magen auf; diejenige, welche eine Zeit lang aufgehängt gewesen ist, hat wenig davon, weil viel von der Feuchtigkeit eingetrocknet ist, sie ist dann gut für den Magen, stellt den Appetit wieder her und ist den Schwachen zuträglich; die Trauben aus den Trestern und aus den Töpfen sind für den Geschmack und den Magen angenehm, stellen mässig den Durchfall, die Blase aber und den Kopf greifen sie an, sie sind ein gutes Mittel gegen Blutspeien. Aehnlich wirken die welche im Moste gelegen haben; die, welche aus dem eingekochten Moste und dem süssen Weine kommen, sind dem Magen mehr zuwider. Sie werden aber auch mit Regenwasser aufbewahrt, nachdem sie vorher in Rosinen verwandelt sind. Diese sind aber etwas weinartig und finden gute Verwendung für die, welche an Durst und an hitzigen und andauernden Fiebern leiden. Ihre aufbewahrten Trester dienen mit Salz als Umschlag bei Entzündungen, Verhärtungen und Anschwellungen der Brüste. Die Abkochung der Trester ist als Injection von Nutzen bei Dysenterie, Magenleiden und Fluss (der Frauen), auch zum Sitzbade und zur Ausspülung wird sie genommen. Die Kerne daraus sind adstringirend und gut für den Magen; geröstet und fein zer- rieben statt Graupen als Umschlag sind sie ein gutes Mittel bei Dysenterie, Magenleiden und Magenschwäche."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.4. - Rosine]
Die am meisten adstringirende Rosine ist die von der weissen Traube. Das Fleisch derselben, genossen, ist von guter Wirkung für die Luftröhre, bei Husten, für die Nieren und die Blase, bei Dysenterie, wenn sie für sich mit den Kernen verspeist wird, aber auch, wenn sie, gemischt mit Hirsen- und Gerstenmehl und Ei, in der Pfanne mit Honig gebraten und genommen wird. Ferner ist sie zum Abführen des Schleimes wohl dienlich, sowohl für sich allein als auch mit Pfeffer gekaut. Hodenentzündungen beschwichtigt sie mit Bohnenmehl und Schwarzkümmel als Umschlag; Epinyktiden, Karbunkeln, Wabengrind, faulende Gelenkgeschwüre, Gangrän heilt sie ohne Kerne fein zerstossen und mit Raute aufgelegt. Bei Podagra ist sie mit Opopanax als Kataplasma ein gutes Mittel; auch lose Nägel entfernt sie als Umschlag schneller."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.5. - Oinanthe]
Oinanthe heisst die Frucht des wilden Weinstockes, wenn sie blüht. Man muss sie zum Aufbewahren in einen ungepichten irdenen Topf bringen, nachdem man sie gesammelt und auf einem Leintuche im Schatten getrocknet hat; die beste liefert Syrien, Kilikien und Phönizien. Sie hat adstringirende Kraft, daher ist sie im Trank dem Magen gut, treibt den Harn, stellt den Durchfall und hemmt das Blutspeien. Trocken aufgelegt wirkt sie gegen Ekel und Säure des Magens. Grün sowohl wie trocken ist sie mit Essig und Rosenöl ein Besprengungsmittel gegen Kopfschmerzen. Mit Honig, Safran, Rosenöl und Myrrhe fein zerrieben ist sie ein entzündungswidriges Kataplasma bei blutigen Wunden, beginnender Aegilopie, bei Geschwüren im Munde und bei fressenden Geschwüren an den Schamtheilen. Auch wird sie den Tampons zum Zurückhalten des Blutes zugemischt. Ferner wird sie mit dem feinsten Mehl der Graupen und Wein bei Augenentzündungen und Magenbrand aufgelegt. In einem irdenen Gefässe über glühenden Kohlen gebrannt ist sie ein wirksames Mittel für die Augenarzneien. Uebergewachsene Nägel an den Fingern und Zehen und sich ablösendes und blutiges Zahnfleisch heilt sie mit Honig."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.6. - Omphakion]
Omphakion ist der Saft der noch unreifen herben thasischen oder aminäischen Traube. Man muss den Saft aber vor dem Hundsstern auspressen und in einem rothen erzenen Kessel mit Leinen bedeckt in die Sonne stellen, bis er dick wird, indem man all das Festgewordene stets mit dem Flüssigem wieder mischt, ihn aber bei Nacht aus dem Freien wegnehmen, denn die Feuchtigkeit verhindert das Consistentwerden. Wähle den gelben und leicht zerbrechlichen, der sehr adstringirt und auf der Zunge beisst. Einige dicken den Saft auch durch Kochen ein. Mit Honig und süssem Wein ist er ein gutes Mittel bei geschwollenen Mandeln und Zäpfchen, gegen Soor und skorbutisches Zahnfleisch und eiterflüssige Ohren, mit Essig gegen Fisteln, gegen alte und fressende Gesehwüre. Als lnjection dient er bei Dysenterie und Fluss der Frauen, er bewirkt auch Scharfsichtigkeit und ist von guter Wirkung bei Rauheit der Augen und angefressenen Augenwinkeln. Getrunken wird er ferner bei von selbst auftretendem Blutauswurf und bei solchem, der durch Zerreissen (von Gefässen) entsteht. Man muss ihn aber sehr verdünnt und in geringer Menge anwenden, denn er brennt scharf."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.12. - Omphakiteswein]
Der sogen. Omphakites wird besonders auf Lesbos dargestellt, indem die Traube, wenn sie noch nicht ganz reif und noch sauer ist, drei bis vier Tage an der Sonne getrocknet wird, bis die Beeren runzelig werden, und der Wein nach dem Auspressen in Krügen an die Sonne gesetzt wird. Er hat adstringirende Kraft, ist dem Magen zuträglich und ein gutes Mittel für die Schwangeren, wenn sie falschen Appetit haben, für die, welche an Darmverschlingung, an schlechter Verdauung und all Magenschwäche leiden. Er soll auch bei Pestanfällen Hülfe bringen. Solche Weine haben aber ein Alter von mehreren Jahren nöthig, sonst sind sie nicht trinkbar."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.14. - Wein aus der wilden Traube]
Der dunkle Wein aus der wilden Traube ist adritringirend und als solcher ein gutes Mittel gegen Bauch- und Magenfluss, sowie gegen die anderen Krankheitszustände, bei denen Adstringiren und Zusammenziehen angebracht ist."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.15. - Honigwein]
Der Honigwein wird in hitzigen Fiebern denjenigen gegeben, welche einen schwachen Magen haben. Er erweicht nämlich etwas den Bauch, treibt den Harn und reinigt den Magen. Er ist ein gutes Mittel für Gicht- und Nierenkranke und für die, welche an Schwäche des Kopfes leiden; heilsam erweist er sich auch für wassertrinkende Weiber, denn er ist würzig und nahrhaft. Er wird dem Honigmeth vorgezogen, weil dieser aus herbem und altem Wein und wenig Honig bereitet wird, der Honigwein aber aus 5 Chus herben Mostes, 1 Chus Honig und 1 Becher Salz. Man muss ihn aber in einem grossen Kessel herstellen, damit er Raum hat zum Aufwallen, indem man allmählich das eben genannte Salz zustreut, so lange er aufschäumt; wenn er sich beruhigt hat, muss man ihn in andere irdene Gefässe abfüllen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.16. - Oinomeli]
Der Honigwein hat den Vorzug, welcher aus altem und herbem Wein und geschöntem Honig gemacht ist, denn ein solcher bläht weniger auf und wird bald gut. Der alte ist nahrhaft, der mittleren Alters ist gut für den Bauch und treibt den Harn; nach der Mahlzeit genommen schadet er, dagegen vorher getrunken macht er voll, regt dann aber den Appetit an. Bei der Bereitung werden meist 2 Metretes Wein mit 1 Metretes Honig gemischt. Um ihn schneller fertig zu haben, kochen einige den Honig mit dem Wein zusammen und füllen ihn so um. Andere mischen des Vortheils (der Sparsamkeit) wegen mit 6 Xestes gährenden Mostes, mit 1 Xestes Honig und füllen ihn nach der Gärung um, er bleibt aber süss."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.17. - Melikraton (Honigmeth]
Der Honigmeth besitzt dieselbe Kraft wie der Honigwein. Wir wenden denselben ungekocht an da, wo wir den Bauch erweichen oder Brechen erregen wollen, wie bei verschluckten tödtlichen Giften, indem wir ihn mit Oel geben, gekocht aber bei solchen, die einen kleinen Puls haben, bei schwachen und von Husten belästigten Personen, ferner bei solchen, die an Lungenentzündung und an Schweiss leiden. Wenn das aufbewahrte (gelagerte) Getränk, welches Einige eigentlich Hydromel nennen, ein mittleres Alter hat, so entspricht es der Deuteria und dem schwachen Weine, zur Wiederherstellung der Kräfte dienend. Daher ist es bei denen, welche an der Entzündung irgend eines Theils leiden, mehr angebracht, als Deuteria; das ältere dagegen ist bei Entzündungen und Verstopfungen zu verwerfen. Bei Magenleiden, Appetitlosigkeit und Schweissbelästigung ist es von guter Wirkung. Es wird dargestellt, indem man zu 1 Theil Honig, 2 Theile altes Regenwasser mischt und in die Sonne stellt. Einige mischen Quellwasser zu, kochen bis auf den dritten Theil ein und bewahren es auf. Apomeli nennen Einige das mit dem Wasser von ausgewaschenen Honigwaben bereitete und aufbewahrte Hydromel. Dieses muss man aber auch reiner machen; Einige kochen dieses auch. Für Kranke ist es nicht geeignet, weil es zum grössten Theil Bienenbrod enthält."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.31. - Herbetraubenmeth]
Der Herbetraubenmeth wird auf folgende Weise dargestellt: Nimm unreife, noch nicht dunkel gefärbte Trauben, stelle sie drei Tage in die Sonne, presse sie danach aus und gib zu 3 Theilen des Saftes gemessen 1 Theil vom besten abgschäumten Honig, giesse es um in irdein Krüge und stelle es an die Sonne. Er hat zurückdrängende, kühlende Kraft; daher ist er ein gutes Mittel für Magen- und Kolikleidende. Im Gebrauch genommen wird er nach einem Jahre."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.33. - Weinblüthenwein]
Der Weinblüthenwein wird so dargestellt: Nimm von der sich oben öffnenden trockenen Blüthe des wilden Weinstockes 2 Minen auf 1 Metretes Most, nach dreissig Tagen seihe durch und setze ihn weg. Er ist von guter Wirkung bei Magenschwäche, Appetitlosigkeit, Magenleiden und Dysenterie."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.43. - Geharzter Wein]
Der geharzte Wein wird bei den einzelnen Völkern auf ihre Weise bereitet, hauptsächlich in Galatien, weil dort wegen der Kälte die Traube unreif bleibt und der Wein sauer wird, wenn er nicht mit Fichtenharz versetzt wird. Das Harz wird mit der Rinde gestossen und ½ Kotyle auf den Krug zugesetzt. Einige seihen ihn nach der Gährung durch und scheiden das Harz ab, Andere lassen es darin. Im Alter werden (die Weine) süss; diese alle aber verursachen Kopfschmerzen und Schwindel, befördern jedoch die Verdauung und treiben den Harn. Ferner sind sie ein gutes Mittel bei Katarrh, Husten, Magenleiden, Dysenterie, Wasser- sucht und Fluss der Frauen. Bei Geschwüren im Unterleibe dienen sie zum Klystier. Der dunkle ist adstringirender als der weisse."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.180. - Weinstockerde]
Von der Weinstockerde, welche Einige auch Pharmakitis nennen und die bei Seleukia in Syrien entsteht, muss man die schwarze auswählen, welche grossen Fischtenknollen ähnlich, feinsplitterartig und ebenso glänzend ist, welche ferner nicht schwer zerfliesst, wenn sie fein gerieben mit etwas Oel übergossen wird. Die dünne, aschfarbige und nicht zerfliessende ist für schlecht zu halten. Sie hat vertheilende und kühlende Kraft, wird auch zu den Verschönerungsmitteln der Augen und zum Färben der Haare benutzt und dient zum Bestreichen der Weinreben zur Zeit des Treibens, da sie die daran befindlichen Würmer (Insecten) tödtet."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)