"Im rohen Zustande ist der Mensch mit dem einfachsten Getränke, das ihm die Natur bietet, mit dem Wasser oder mit der Milch seiner Herde, zufrieden; aber die fortschreitende Kultur erzeugt Bedürfnisse und Wünsche, deren Befriedigung nur beharrlicher Fleiss und Arbeit gewähren kann. Wie Demeter göttliche Ehre sich erwarb' durch Einführung der Getreidekultur, eben so wurde sie dem Dionysos zu Theil, der, wie so mancherlei Mythen sagen, der erste war, der den Weintrauben ihren Saft auspresste, diesen aufzubewahren lehrte, Reihen pflanzte, und so den herumschweifenden Nomaden fesselte.
Die Sagen von der Entstehung des Weinstocks selbst, Vitis vinifera L., sind zum Theil so abentheuerlich, dass sie kaum wieder erzählt zu werden verdienen; zumal was den Ursprung des Wortes Oinon, wie der Wein im Griechischen heisst, betrifft.
Ampelos (Weinstock) wird nach einem Mythus ein Begleiter des Bachus genannt, und als ein Satyr bezeichnet ; nach Andern liebte Dionysos die Nymphe Staphyle (Traube), und sie sey es, die in einen Weinstock verwandelt wurde.
Sinnreich hat man den bekannten Mythus von der Erzeugung und Aufbewahrung des unreifen Dionysos in der Hüfte des Zeus gedeutet, und darin nichts anderes, als die älteste Lehre von der Weinbereitung gefunden.
Ein kyklischer Dichter erzählt: Jupiter habe, weil er seinen Mundschenken Ganymedes der Erde entzog, ihr zur Entschädigung den Weinstock gegeben ; er habe ihn mit den Locken schattiger Blätter und mit Trauben geschmückt, die Hephaestos selbst kunstreich gebildet, dem Vater zum Geschenk brachte.
Mit Weinlaub bekränzt wird häufig Dionysos dargestellt; auch die Faunen kommen mit Bebenkränzen um das Haupt vor, nicht minder trägt Silenus, die personificirte Trunkenheit, wie billig, diesen Schmuck.
Der Weinstock war auch der Rhea heilig, und wir sehen sie daher als Bona Dea damit bekränzt, aber in ganz entgegengesetztem Sinne, um desswillen Silen einen Rebenkranz trägt.
Zu den Füssen der Juno sieht man bisweilen eine Weinranke, vielleicht schon darum, weil Dionysos ihr Stiefsohn ist.
Eine Grazie sieht man öfters mit Trauben bekränzt, was sich sowohl auf die herbstliche Jahreszeit, als auf den Wein, der des Menschen Herz erfreut, deuten lässt, denn die Fröhlichkeit oder Freude (Laetitia) wurde allegorisch als ein Kind abgebildet, welches in der rechten Hand eine Weintraube hält.
Noch sind einige Personen zu nennen, deren mythologische Geschichte mit der des Weinstocks verknüpft ist: Orthosia, eine Hore, war die Göttin der Weinlesezeit, Die Griechen feierten Horaea den Horen zu Ehren, damit sie alle übermässige Dürre abwenden und die Gewächse durch milde Wärme und zeitigen Regen gross ziehen möchten.
Damaskos war ein Verwegener, der die von Dionysos gepflanzten Weinstöcke umhieb ; aber zum Lohne für seinen Frevel zog man ihm die Haut ab, und machte Weinschläuche daraus. In Thierfellen bewahrt man noch heut zu Tage in Spanien Wein auf. Hier möge auch noch die Bemerkung stehen, dass Dionysos gehörnt dargestellt wurde, und Ochsenhörner waren die ältesten Geschirre, aus denen man Wein trank.
Auch Meditrina darf nicht ungenannt bleiben, eine Göttin der Römer, welche durch Wein die Krankheiten heilte, vielleicht die Jaso der Griechen, Schwester der Hygieia. Am 30. September wurden die Meditrinalien gefeiert; man opferte der Göttin jungen und alten Wein, und hielt dies für ein Mittel, die Gesundheit zu erhalten.
Zur Herbstzeit feierte man in Athen dem Dionysos und der Ariadne das Fest der Oschophorien. Den Festschwarm führten zwei Jünglinge an, die als Weiber gekleidet waren, und Weinranken trugen, behängen mit schön prangenden Trauben. Vom Tragen der Osche, so hiess jener Rebzweig, führte das Fest den Namen. Der Zug ging vom Tempel des Dionysos zu dem der skiradischen Athene, und den Jünglingen folgte das Chor, weiches die oschophorischen Lieder sang."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)