"Die Weiden sind grossentheils Gewächse des Nordens
und steigen auch auf den Alpen bis zur Grenze des ewigen
Schnees hinauf. Aber auch im Süden von Europa
kommen sie in den Wäldern der Gebirge und an den
Ufern der Flüsse nicht selten vor. In den Sümpfen Griechenlands
sah Sibthorp Salix purpurea und S. Helix. In Arkadien
fand er Salix fragilis, S. Caprea, anderwärts Salix
alba u. s. w. Von besonderem Interesse ist aber:
1) Die Weide der Here oder Juno Salix babylonica L., die babylonische Weide, morgenländische
Hangelweide, Trauerweide oder weinende
Weide. Sie ist in der Levante am Euphrat, in Palästina,
Arabien und Persien zu Hause. Sibthorp fand sie um
Athen, auf der Insel Cypern u. s. w., Rauwolf bei Deer in
Mesopotamien.
Diese jetzt bei uns auf Gräbern zum Andenken geliebter
Freunde und Verwandten so oft gezogene Art wird
schon in der Bibel gedacht; sie ist die Weide, die am
Wasser zu Babel wuchs, woran der Psalmist die Harfe
hängt.
An dem Wasser zu Babel sassen wir und weinten, wenn
wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die
Weiden die darinnen sind.
Aus Weidenholz wurden die ersten Bilder der Juno
geschnitzt. Unter dem Schutze dieser
Göttin stand die für die Gesundheit der Weiber so wichtige
Menstruation, und die Weide ist ein Hauptmittel,
diese zu hemmen, wenn sie im Uebermaasse erscheint. Juno Fluonia bringt
nach der Empfängniss die Menstruation zum Stillstand.
2) Die Weide der Thesmophorien, Salix alba L., die
auch bei uns allbekannte gemeine weisse Weide, die durch
ganz Italien und Griechenland wächst, und meistens verstanden
wird, wenn man von Salix ohne weitern Zusatz
redet.
Bei den Thesmophorien sassen und lagen die Frauen
auf allerlei Kräutern, welchen man besondere Kräfte beilegte,
und zumal den Liebesreiz abstumpfen sollten. Diese
Wirkung schrieben die Aerzte in hohem Grade den Weiden
zu, ja man glaubte, dass ihr längerer Gebrauch
Unfruchtbarkeit nach sich zöge. Die Weide galt daher
im Alterthum als ein Symbol der Keuschheit und der Sterilität, welcher letzteren Angabe
auch noch eine andere Bemerkung zum Grunde liegen
mochte. Die Weiden sind nämlich getrennten Geschlechtes
(plantae dioicae) oder zweihäusig, wie Linne sagt;
die zahlreichen männlichen Bäume tragen natürlich keine
Frucht, und können so allerdings als ein Symbol der Sterilität
angesehen werden, um so mehr, da der wahre
Grund dieser scheinbaren Unfruchtbarkeit dem Alterthume
unbekannt war. Wenn die Weide (amerina salix) in dem
ältesten Zeiträume, den man auch den des Saturnus zu
nennen beliebte, zum Bekränzen gebraucht wurde, so
diente am zweckmässigsten die Bandweide, Salix viminalis L. dazu ; aber später verachtete man diese triviale
Zierde und nannte sie scherzhaft die Bauernzierde oder
coronamentum rusticornm."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)