"Die Blume der Beherrscherin des Orkus ist keine
andere als die blaue Viole oder das allbekannte und überall
geliebte Märzveilchen, Viola odorata L., das durch ganz
Europa an sonnigen Grasplätzen am Rande der Wälder
wild wächst, und durch seinen Wohlgeruch in den ersten
Tagen des Frühlings erquickt.
Der griechische Name des Veilchens, Iov, soll daher
entstanden seyn, weil jonische Nymphen, die an der Quelle
des Flusses Cytherus in Elis verehrt wurden, zuerst diese
Blumen dem Jon , der eine atheniensische Kolonie nach
Attika geführt hatte, zum Geschenke gebracht hätten.
Mattkisson benutzte diesen Umstand, indem er in seinen
geschätzten Gedichten sagt:
Kein Gang der Liebenden im Frühlingshain
An Veilchen reich, wie Attika’s Gefilde.
Die Stadt Henna in Sicilien setzte auf ihre Münzen
unter andern Zeichen auch Violen, weil die Felder und
Wiesen daselbst beständig mit Frühlingsblumen bekleidet
waren, und hier war es, wo Proserpina nebst ihren Gespielinnen Blumen sammelte, als Pluto dieselbe entführte.
Die Bildsäulen der Laren sieht man öfters mit Veilchen
geziert und auch die Phallophori der Bachantinnen
bekränzten sich mit Violen. Die Griechen liebten überhaupt
diese Blumen vorzugsweise zu Kränzen, und um
deren genug zu haben, legten sie eigene Veilchengärten an.
Aus dem Blute des Aedestes lässt die Mythologie
die Veilchen entstehen, und aus dessen Körper den Mandelbaum
; beide Gewächse, so wie die Narcisse des Pluto,
die ebenfalls Proserpina sammelte, als jener sie in die
Unterwelt abführte, blühen sehr früh im Jahre und haben
ohne Zweifel Bezug auf die bildliche Darstellung der
Sommersaat des Getreides , die zu der Zeit besorgt zu
werden pflegt, wann die Proserpina in den Hades wanderte,
d. h. wann die Narcisse, wann der Mandelbaum,
wann das Veilchen blüht.
Das Frühlings- Veilchen gilt auch als ein Symbol der
Jungfrauschaft:
Chloe wenigstens flocht einen Kranz aus
Violen und überreichte ihn dem Daphnis als ein jungfräuliches
Geschenk (virginale munus).
Der Lord Vicomte Mahon hat in einem Sendschreiben
an die Gesellschaft der Alterthumsforscher in London zu zeigen gesucht , dass die
Pflanze, welche die Römer Viola nannten, nicht unser
gemeines Märzveilchen sey, wohl aber eine Art von Iris;
er stüzt diese Ansicht auf mehrere Stellen des Plinius,
die er näher zu erörtern sucht. Es thut mir leid, dass
ich dem edlen Lord nicht ganz beistimmen kann , auch
dass hier der Ort nicht ist, die Sache ausführlich zu beleuchten,
da man darüber eine ganze Abhandlung schreiben
müsste. Wenn der edle Lord Werth darauf legt,
dass die Bauern in Sicilien die Iris mit dem Namen Viola
bezeichnen, so ist zu erinnern, dass die Schwertel-Wurzeln,
wenn sie getrocknet sind, einen dem Märzveilchen ähnlichen
Geruch annehmen, wie denn auch in unsern Apotheken
die Wurzel der Iris florentina Veilchenwurzel
heisst, aber deshalb ist die Iris noch lange keine Viola."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)