"[IV.154. - Thapsia] - Thapsia garganica (Umbelliferae) - Garganische Thapsie
Die Thapsia [Einige nennen Sie Hypopion, Andere Pankranon, Skammonion, Thelyteris, die Römer Ferulago, auch Ferula silvestris, die Afrikaner Boiden] hat ihren Namen daher, dass sie zuerst auf der gleichnamigen Insel, auf Thapsos gefunden sein soll. In ihrem ganzen Aeusseren gleicht sie einer Ferula, der Stengel ist aber dünner als bei dieser und die Blätter sind denen des Fenchels ähnlich. An der Spitze befinden sich die Dolden auf je einem Stielchen wie beim Dill, und darin die gelbe Bltlthe. Der Same ist etwas breit, wie bei Ferula, nur kleiner. Die urzel ist innen weiss, gross, aussen schwarz, mit dicker Rinde und scharf. Der Saft wird daraus gewonnen, indem rund herum ein Graben gezogen und die Rinde angeschnitten wird, oder die Wurzel wird gewölbeartig ausgehöhlt und bedeckt, damit der Saft rein bleibt. Am folgenden Tage muss man hingehen und den angesammelten Saft wegnehmen. Es wird aber auch der Saft aus der Wurzel erhalten, indem sie zerschnitten und in einem Weidenkorbe mittelst eines Kolbens ausgepreast und der Saft in der Sonne in einem dichten irdenen Gefässe eingetrocknet wird. Einige pressen auch die Blätter mit, ein solcher Saft ist aber kraftlos. Man erkennt ihn aber daran, dass der von der Wurzel stinkender ist und feucht bleibt, der von den Blättern dagegen eintrocknet und von den Würmern angefressen wird. Beim Sammeln des Saftes darf allein sich aber nicht gegen den Wind stellen, am besten geschieht es bei Windstille; denn das Gesicht schwillt gewaltig an und die nackten Theile [des unbedecktem Körpers] erhalten Blasen wegen der Schärfe des Hauches. Man muss daher die nackten Theile mit verdichtender flüssiger Wachssalbe bestreichen und so daran gehen. Die Rinde der Wurzel sowie der ausgepresste und natürliche Saft haben, mit Honigmeth getrunken, reinigende Kraft, denn nach oben wie nach unten fahren sie Galle ab. Von der Wurzel werden 4 Obolen mit 3 Drachmen Dillsamen gegeben, von dem ausgepressten Safte 3 Obolen, vom natürlichen 1 Obolos, eine grössere Gabe ist gefährlich. Das Pur- giren damit ist ein gutes Mittel bei Asthmaleiden, chronischen Lungen- leiden und (Blut-)Auswerfen. Denjenigen, welche schwer erbrochen, wird sie in Speisen und getrunken gegeben. Der Saft und die Wurzel haben von allen gleichwirkenden Mitteln am meisten eine die Säfte verbessernde Kraft, wenn es sich darum handelt, etwas aus der Tiefe herauszuholen oder Verbesserung der Säfte durch Ausscheidung durch die Poren herbeizuführen. Daher verschafft der Saft oder die frische zerstossene Wurzel aufgestrichen nach der Fuchskrankheit dichtes Haar. Sugillationen unter den Augen und blutunterlaufene Stellen vertreibt die fein gestossene Wurzel oder der Saft mit gleichviel Weihrauch und Wachs. Man darf das Mittel aber nicht länger als zwei Stunden liegen lassen und muss danach mit warmem Seewasser bähen; mit Honig aufgestrichen vertreibt es auch Sommersprossen und Aussatz. Der Saft ferner mit Schwefel aufgestrichen öffnet Drüsen. Mit Nutzen wird er auch bei chronischen Leiden der Seite, der Lunge, der Füsse und Gelenke eingesalbt. Gute Dienste leistet er auch zum Ueberziehen (der Eichel) bei solchen, welche die Vorhaut nicht durch die Beschneidung verloren haben, indem er ein Oedem hervorruft, welches gebäht und durch Fett erweicht den Verlust der Vorhaut ersetzt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)