"Im Alterthume war das Silphion eines der wichtigsten Arzneimittel, und auch als Gewürz ungemein hoch geschätzt. Ist dies Silphion unser stinkender Asand, oder eine andere Substanz? — Eine Frage, die schon viele Federn beschäftigte und über die sich viele Bogen schreiben ließe. Mehrere Väter der neueren Botanik glaubten in der Benzoe das Silphion gefunden zu haben, eine Meinung, die jetzt nicht mehr widerlegt zu werden braucht: dagegen hat vorzüglich Sprengel in neueren Zeiten zu zeigen gesucht, dass die Alten zwei ganz verschiedene Arten Silphion kannten, wovon das eine , bessere , aus Cyrene kam, das andere, schlechtere , aus Medien gebracht wurde. Die Hippokratiker scheinen nur das cyrenaische gekannt zu haben, indem an einem Orte gesagt wird; man habe viele vergebliche Versuche gemacht, das Silphion in Jonien und dem Peloponnes zu ziehen, da es doch in Lybien wild wachse. Auch bei Pausanias ist nur von dem Silphion aus Cyrene die Rede. Demnach wäre hier vor allen Dingen auszumachen, was dies cyrenaische Silphion war; worauf ich einstweilen antworte dass ich das cyrenaische von dem medischen nicht für durchaus verschieden halte, wenn gleich mehrere alte Schriftsteller beide unterscheiden, wie z. B. Dioscorides und Plinius , die aber das medische besonders darum zu verachten scheinen, weil es gewöhnlich verfälscht war. Strabo bemerkt zwar auch , dass das medische Silphion schlechter sey, aber was sehr interessant ist , er setzt hinzu , bisweilen ist es auch besser als das cyrenaische . Der Unterschied zwischen beiden, fährt er fort, kann von dem verschiedenen Standorte kommen, oder von dem Abarten der Pflanze, oder von der Behandlungsart derjenigen, die den Saft einsammeln und zum Gebrauche zubereiten. Nirgends ist, so viel mir bekannt, von zwei verschiedenen Pflanzen, die das Silphion liefern, bei den Alten die Rede, ich kann daher nicht beistimmen, wenn man annehmen will, dass das cyrenaische von Ferula tingitina oder von Laserpitium gummiferum herrühren soll, nur das medische aber von Ferula Assa foetida, der ich beide Sorten zuschreiben möchte, ohne jedoch die Möglichkeit zu leugnen , dass auch aus andern ähnlichen Pflanzen der Saft gesammelt, gebraucht, und unter dem Namen Silphion hätte verkauft werden können. Strabo hat übrigens die wahren Momente angegeben , die zu der abweichenden Beschaffenheit des modischen Silphion von dem cyrenaischen Anlass geben konnten, wozu noch die absichtliche Verfälschung des ersten kommt. Man hat sich vielseitig gewundert, wie die Alten an einer so hässlich riechenden Substanz, wie der Asand ist, Gefallen finden und sowohl seinen Geruch als Geschmack für angenehm halten konnten. Darauf ließe sich mit vielen Citaten nachweisen, dass in Indien und Persien der Asand noch immer zu den Leckerbissen gerechnet wird ; aber das Wohlgefallen an dem Silphion mochte selbst bei den Griechen nicht ganz allgemein gewesen seyn, denn Aristophanes nennt es stinkend. Das Silphion aus Cyrene soll sich besonders durch seinen Wohlgeruch und Wohlgeschmach vor dem aus Medien ausgezeichnet haben; wie dieser Geruch aber eigentlich zu beurtheilen sey, kann man am besten aus einer Stelle bei Dioscorides lernen, der im Kapitel vom Sagapen des letzteren Geruch , als das Mittel zwischen Silphion und Chalbane haltend, angibt. Beide rechnen wir aber zu den übelriechenden Substanzen; wozu noch kommt, dass man das Silphion mit Sagapen verfälschte , welches kaum geschehen konnte, wenn beide nicht in Hinsicht des Geruches Aehnlichkeit hätten; diesen Umstand kann man den Beweisen zufügen , dass das cyrenaische und medische Silphion doch immerhin auffallende Verwandschaft miteinander gehabt haben mochten. Wenn endlich Sprengel von dem sehr angenehmen Geruch und Geschmack des cyrenaischen Silphion spricht , und es auf Laserpitium gummiferum bezieht, so darf man nur Tourneforts Definition, dieser Pflanze anführen, die gerade das Gegentheil sagt, sie heißt Thapsia apii folio lusitanica foetidissima.
Die Hippokratiker gebrauchten Wurzel und Saft des Silphion, den Stengel und selbst die Saamen. Als diätetisches Mittel ließen sie das Silphion nicht selten den Speisen zusetzen , und zwar theils den getrockneten zerriebenen Saft , theils den Samen ,dann auch den Stengel; so wird unter andern an einem Orte empfohlen Bingelkraut und Kohl mit Salz, Silphion und Knoblauch zu würzen. — Bei Einigen, sagt Hippokrates , macht der Stengel und der Saft losen Stuhlgang, bei Andern nicht; denen die nicht daran gewöhnt sind macht er trockne Cholera , besonders wenn er mit viel Käse und Rindfleisch gegessen wird , Zur Verhütung des Abortus soll viel Knoblauch, der Stengel des Silphion und alles was blähet gegessen werden . Frauen, die sich Kinder wünschen, sollen Silphion mit Wein nehmen . Gegen mit Fieber begleitetes Schluchsen empfiehlt es Hippokrates , gegen Tertianfieber soll man es mit Triphyllon geben , gegen Quartanfieber wird drei Bohnen schwer davon zu nehmen angerathen . Gegen Lungenschwindsucht soll einer Bohne groß mit Ziegen- oder Eselinnenmilch, genommen werden , bei sehr vorgerückter Krankheit aber wird das Silphion, so wie alles scharfe widerrathen . Wassersüchtige sollen eine Drachme in Pastillen mit Aristolochie gebrauchen . Gegen Leberverhärtung soll erbsengros mit Origanum genommen werden ; bei Diarrhöen sollen Linsen mit Silphion gewürzt gegessen werden . Zur Beförderung der Geburtswehen wird das Silphion erbsengroß in Wein genommen angerühmt ; gegen Verhaltung der Menstruation diente der Saamen ; der Saft, bohnengroß in Wasser gelöst, wird als das vorzüglichste Mittel zur Beförderung des Abgangs der Nachgeburt gepriesen aber auch der Saame gerühmt ; auch bei Windsucht des Uterus wurde Silphion angewendet ; sonst wurde es selbst in Mutterkränzen beigebracht und als zertheilendes Mittel gebraucht . Hysterischen strich man das Silphion an die Nase , in demselben Falle ließ man auch an einem halb ausgelöschten noch glimmenden Lichte, an angezündeter Wolle oder an dem stinkendsten Kothe , riechen, welcher gleichförmige Gebrauch wie mich dünkt auch einigermaßen auf den Geruch des Silphion schließen lässt . Bei Vorfall des Afters soll man Silphion in. einem Cataplas auflegen."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)