"Ohne Zweifel ist der Mohn der Alten auch unser gemeiner Gartenmohn, Papaver somniferum L, der auf den Aeckern im Peloponnes so wie in Aegypten wild wächst. Mehrere Varietäten desselben waren den Alten bekannt, namentlich der mit weißem und der mit schwarzem Samen , wovon auch der erste gebaut wurde. Der Mohnsame wurde im Alterthume zu den Nahrungsmitteln gerechnet, wie man schon aus den hippokratischen Schriften lernen kann, vieler anderer nicht zu gedenken. Auch in neueren Zeiten hat man diesen Gebrauch davon gemacht, wie z. B. Mathiolus von den Tridentinern erzählt.
Kannten die Hippokratiker das Opium? Man sollte daran kaum zweifeln, wenn man weiß, dass schon zu Homers Zeiten dasselbe bekannt war; wenigstens kann es nicht wohl leicht ein anderes Mittel gewesen seyn, das Helena von der Polydamna erhielt, und das in Wein gemischt die wundervolle Kraft hatte, allen Schmerz, alle Trauer zu verscheuchen; ein Mittel, das einen beruhigenden Schleier über alle auch die schrecklichsten Leiden zu ziehen im Stande war ; und doch scheint es, die Hippokratiker haben das Opium nicht gekannt oder doch nicht genutzt. Es wird zwar der Saft des Mohns, und an einem Orte sogar des schlafmachenden Mohns genannt, aber von keinen auffallenden Wirkungen desselben gesprochen: ich glaube deshalb , dass darunter blos der frisch ausgepresste Saft der Blätter zu verstehen ist, wie man dergleichen von vielen andern Pflanzen auch brauchte. Uebrigens gebrauchten die Hippokratiker auch die Samenhülle des Mohns, und zwar entweder leer, oder mit dem Samen angefüllt , was Foesius etwas undeutlich durch peplus plenus übersetzt.
Im Allgemeinen sagen die Hippokratiker von dem Mohne er verstopfe den Stuhlgang, und zwar der schwarze mehr als der weiße , übrigens nähre er bedeutend. Schwindsüchtige sollen weißen Mohn gemocht , mit Mehl und Honig gehörig zubereitet warm trinken, und blos dies zur Nahrung gebrauchen , sonst wird auch zarter Mohn mit Basiiien- und Granatensaft gegen Auszehrung empfohlen . Bei Wassersucht der Schwangern gab man Mohnsaft mit Milch oder auch in einem ähnlichen Falle Milch mit einem Infusum des Mohns . Gegen Diarrhöe wird ein Trank aus der Fruchthülle des weißen und rothen [Papaver Rhoeas oder Argemone] Mohns mit Acacienfrüchten, Wein u. s. w. bereitet, angerathen . Um die Schmerzen bei entzündeter Mastdarmfistel zu stillen, wird, der innere Gebrauch des Mohns angeordnet . Gegen Verhärtung des Uterus wird die Samenhülle empfohlen, selbst bei Vorfall der Gebärmutter wird der Gebrauch des Mohns angerathen , eben so gegen den weißen Fluss mit Nesselsaamen und adstringirenden Mitteln , ferner bei langwierigem Mutterblutfluss , so wie auch bei Schmerzen nach schwierigen Geburten . Besonders häufig wird gegen hysterische Beschwerden theils der Mohnsaft , theils der Samen, und zwar zuweilen geröstet, großentheils in Verbindung mit andern Mitteln, besonders dem Nesselsamen , empfohlen .
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)