"Allbekannt, sowohl um der Schönheit der Blumen,
als wegen der betäubenden Kräfte , ist der gewöhnliche
Garten-Mohn, Papaver somniferum L. Nach einer Mythe,
welche Theocrit aufbewahrte, entstand diese schöne Pflanze
aus den Thränen der Venus, indem sie den Adonis beweinte.
Im Alterthum zog man den Mohn nicht wie bei uns
auf den Feldern, denn er diente nicht als Oelpflanze, da
die Olive dieses Bedürfniss befriedigte; was der Garten
lieferte, war zureichend für den Bedarf an Samen, den
man auf das Brod zu streuen pflegte, auch wurde er mit
Honig zum Nachtische aufgetragen, wozu er vorher geröstet
wurde. Man hatte ein besonderes Backwerk, das
man mit Eiweis bestrich, und dann mit Mohn bestreute.
Aber nur die Varietät mit weissem Samen (Papaver officinale
Gmelin) wurde zu diesem Gebrauche verwendet.
Der Gott des Schlafes,
Hypnos der Griechen, Somnus der Römer, ein Sohn der Nacht und ein Zwillingsbruder
des Todes, dessen Sitz Homer nach Lemnos, Viryil an
den Eingang des Orkus, Ovid nach Cimmerien verlegt,
wird als ein liegender oder sitzender Jüngling oder Engel
abgebildet, welcher Mohnköpfe in der Hand oder um sich
her liegen hat und dessen Flügel
eingezogen sind. Auch mit Mohnkränzen geziert, kommt
er vor.
Der Tod selbst Thanatos der Griechen, Mors der Römer,
wird als ein milder Jüngling, mit schwarzen Flügeln, schwarzem Gewände, die umgestürzte Fackel löschend
und mit Mohnkränzen geziert dargestellt.
Die Nacht (Nyx oder Nox), eine Tochter des Chaos
tmd Schwester des Erebus, wurde, gleich ihrem Sohne,
die Schläfe mit Mohn umwunden dargestellt. Auch der
Diana oder Göttin des Mondes war diese Pflanze gewidmet.
Der Mania, einem gespenstigen Wesen, das nach dem
Leben der Kinder trachten soll, brachte man Zwiebeln
und Mohnköpfe zum Opfer.
Alle diese Verhältnisse hängen offenbar mit den bekannten
einschläfernden Kräften des Papaver, von dem auch
das Opium kommt, zusammen; die folgenden aber deuten
mehr auf den Gebrauch der Samen als Nahrungsmittel.
Mohnköpfe waren ein Attribut der Ceres, auch kommt
die Göttin des Getreides mit Mohnkränzen geziert vor.
Diese nährende Göttin soll zuerst den Papaver auf der
Insel Mekona (der griechische Name der Pflanze) gefunden
haben ; die heilige Kiste bei der Feier der Eleusinien
enthielt auch Mohn.
Der Gartenmohn war auch der Venus heilig ; Cybele
kommt mit Mohnhäuptern in der Hand vor eben so Here oder Juno und
selbst Hermes oder Mercur, der die Pflanze in der linken
Hand trägt.
Diese Attribute lassen sich zum Theil dadurch erklären,
dass der Papaver eine der fruchtbarsten Pflanzen
ist, die man kennt, und ausserordentlich viel Samen liefert;
denn von einem einzigen Individuum erhielt man
deren 32,000. So ist es begreiflich, warum:
Die Fruchtbarkeit (Ubertas) als ein Frauenzimmer, mit
Mohnköpfen in der Hand oder mit Mohnkränzen geziert,
dargestellt wird.
Der gute Erfolg (Bonus Eventus) war zu Rom im
Capitol als ein Jüngling dargestellt, der in der Rechten
eine Schale, in der linken eine Aehre nebst einem Mohnkopfe hielt."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)