"Die Narben (Stigmata) des Safran liefern, wie man weiss, eine sehr kostbare gelbe Farbe; auch zeichnet sich das in ihnen enthaltene Pigment dadurch besonders aus, dass es gerne vielfältige Nüancen bildet, weswegen es Bouillon-Lagrange und Vogel mit dem Namen Polychroit belegten.
Schon Homer scheint das Verhalten der Safranfarbe gekannt zu haben; denn nach diesem unsterblichen Dichter eröffnet Eos oder Aurora mit Rosenfingern die Pforte des Himmels, umwallt von einem Krokosschieier, wenn sie mit Lampas und Phaethon, den göttlichen Rossen, aus dem Ocean herauf fährt. Und wer sollte nicht öfters mit Vergnügen, die Morgenröthe an einem schönen Maitage beobachtend , sich an diese Schilderung erinnert haben ? Auch die Musen tragen safranfarbige Kleider, sie sind Freundinnen der Eos, Aurora Musis amiea. Sonderbar ist es aber, dass Hesiodus den Graeen, Schwestern der Gorgonen, einen Safran-Mantel beilegt.
Mannichfaltig sind die Heilkräfte, die das Alterthum dem Safran zuschrieb, und schon Hekate zog ihn in ihrem Garten, um ihn als Zaubermittel zu gebrauchen, womit die Sitte zusammenhängt, beim Verbrennen der Todten Safran in den Scheiterhaufen zu streuen.
Plinius berichtet uns : wer einen Kranz von Safranblumen aufsetze , sey dadurch vor der Trunkenheit geschützt, und Galen sagt: dass ein längerer Einfluss des Geruches des Safrans den Kopf einnehme und wie betrunken mache, also ein Beweis von der Richtigkeit der homöopathischen Grundsätze, den Samuel Hahnemann und seine Anhänger zu schätzen wissen werden.
Nach Avicenna wirkt der Safran, längere Zeit gebraucht, nicht nur schädlich, sondern selbst tödtlich ; auch hat man ihn zu allen Zeiten zu den narkotischen Mitteln gerechnet, und vielleicht hat dieser Umstand die Veranlassung gegeben, dass man den Crocus, wie Probus erinnerte, der Ceres und den Eumeniden weihte.
Zu allen Zeiten galt feiner der Safran als ein Mittel, das sich besonders durch seine Wirkung auf die weiblichen Geschlechtstheile auszeichne, und vielleicht lässt eine Mythe darum diese Pflanze überall da aus der Erde entspriessen , wo Jupiter und Juno der Liebe pflogen. Der wollüstige Isocrates liess seine Schlafstätte öfters mit Safran befeuchten, und eine im Alterthum übliche Sitte war es, das Brautbett mit dieser stark riechenden Blume zu bestreuen, wie denn überhaupt der Safran als Riechmittel vielfältig verschwendet wurde, so dass man namentlich die Theater damit zu parfümiren pflegte.
Einige alte Schriftsteller reden von dem Safran als Frühlingsblume, und verstehen dann wahrscheinlich lxia Bulbocodium L. darunter , denn der wahre Frühlings- Safran der Alpen (Crocus vernus) dürfte ihnen kaum bekannt gewesen seyn."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)