"Aescin: Ausgangsmaterial zur Herstellung der verschiedenen Rosskastaniensaponinpräparate sind die reifen getrockneten Samenkerne verschiedener Arten der Gattung Aesculus. Die Gewöhnliche Rosskastanie ist auf dem Balkan, im Kaukasus und in Vorderasien beheimatet. Die Frucht ist eine mit Stacheln besetzte, grüne Kapselfrucht, die sich bei der Reife mit 2 oder 3 Klappen öffnet. Sie enthält in der Regel nur einen Samen. Die Kotyledonen sind in Folge des Vorkommens von Flavonglykosiden schwach gelblich gefärbt. Für pharmazeutische Zwecke sollen nur die ausgereiften Samen gesammelt werden.
Der Geruch der Samen erinnert schwach an Nüsse, der Geschmack ist anfangs mehlig, dann kratzend und anhaltend bitter. Beim Schütteln aescinhaltiger Lösungen tritt intensive Schaumbildung auf.
Die Samenkerne der Rosskastanie oder der Samenschrot sind das Ausgangsmaterial zur Herstellung von β-Aescin und zur Herstellung von Extrakten. Maximale Aescinausbeuten werden durch Extraktion mit Methanol-Wasser-Gemischen (60+40) erzielt. Industriell werden auch Perkolate mit Ethanol-Wasser (60-80 Vol.-%) hergestellt. Aescin enthaltende Präparate werden in Ampullen- und Drageeform angeboten; Rosskastanienexktrakte als Bestandteil von Kombinationspräparaten in Tropfen-, Kapsel- und Tablettenform; zur äußerlichen Anwendung als Gel und Salbe.
Als Saponin hat Aescin lokal entzündungserregende Eigenschaften. Es darf daher nie subkutan oder intramuskulär angewendet werden. Aescin führt in subhämolytischen Dosen über die Anlagerung an die Erythrozytenmembran zu einem Anschwellen der Erythrozyten und damit zu einer Viskositätserhöhung des Blutes, verbunden mit einer Zunahme des kolloidosmotischen Drucks. Möglich erscheint auch, dass Aescin "kapillarabdichtend" wirkt, indem es den Durchmesser der kleinen Kapillarwandporen vermindert, durch die der Austausch von Wasser erfolgt.
Aescin hat natriuretische Wirkung. Es führt über die Aktivierung des Systems Hypophyse-Nebennierenrinde zu einer Mehrausschüttung von KOrtikosteroiden. Damit dürfte die Unspezifität des ödemprotektiven Effekts zusammenhängen.
Anwendung: Als Anwendungsgebiete für Aescin und Rosskastanienextrakt beim Menschen gelten chronische venöse Insuffizienz, posttraumatische Ödeme, Ulcus cruris, Brahialgie, Dysmenorrhö und Hämorrhoiden. Die Behandlung posttraumatischer Ödeme erfolgt mit Gelen und Salben.
Aescin weist als Saponin schleimhautreizende Eigenschaften auf. Daher können nach der Einnahme entsprechender Präparate Magenbeschwerden auftreten. Für die i.v.-Anwendung durch den Arzt besteht bei entsprechender Disposition die Gefahr einer Nierenschädigung, bei Überdosierung die Gefahr einer Hämolyse.
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)