"Um die zürnenden Götter zu versöhnen, oder zum Danke für erhaltene Wohlthaten, brachte man im Alterthume mancherlei Opfer dar, und opfern, libare, war ein Hauptgegenstand des Gottesdienstes; besonders verbrannte man gerne wohlriechende Dinge auf den Altären, zumal nach den trojanischen Zeiten den Weihrauch, Libanos oder Thus, der aus Arabien gebracht wurde, und dessen Geruch, wie man glaubte, vor allem andern den Göttern angenehm sey. Seiner Kostbarkeit wegen vertrat oft der Rosmarin, Rosmarinus officinalis L. , seine Stelle; denn dessen Geruch gleicht einigermasen jenem des Weihrauchs, und er hiess darum auch Libanotis oder die Weihrauchstaude, und war eines der beliebtesten Kranzgewächse.
Leukothoe, der vorhin genannten Clytie Schwester, liess sich vom Helios missbrauchen, weshalb ihr zürnender Vater sie tödtete, indem er sie lebend in ein Grab einschloss; aus diesem erwuchs durch die Macht des Sonnengottes die Weihrauchstaude, schön grünend und duftend.
Nach einer andern Sage war Libanotis ein assyrischer Jüngling von ausgezeichnet gottesfürchtigem Wandel, aber vielfach von bösen Menschen verfolgt; da verwandelten ihn die Götter in die Weihrauchstaude oder den Rosmarin, dessen Duft, gleich dem Geiste des Jünglings, unaufhörlich nach dem Olymp gerichtet ist.
Die Bildsäulen der Laren pflegte man mit Rosmarin zu zieren ; auch war er ein Reinigungsmittel, das, zumal bei den Palilien, seine Anwendung fand.
Wenn gleich allen Göttern Weihrauch auf den Altären verbrannt wurde, so erfuhr doch dem Jupiter vorzugsweise diese Ehre , und dem Janus verbrannte man ihn gleich im Anfänge des Jahres.
Die Frömmigkeit; Pietas, wird als ein opferndes Frauenzimmer dargestellt, welches mit einer Schale Weihrauch in die Flamme auf den Altar schüttet, und die linke Hand empor hebt."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)