"Nach Philostratus ist die schönste der Zierblumen, die Garten-Rose, Rosa centifolia L., dem kleinen Liebesgotte gewidmet, wenn gleich so viele Andere sie seiner Mutter zuschreiben. Frisch und rosenfarbig ist Eros, allezeit munter und blühend, golden ist sein Haar, denn auch die Rose hat etwas Goldfarbenes (die Staubbeutel) in ihrer Corolle ; die Pfeile des Cupido sind die Stacheln der Rose, seine Flügel bestehen aus Blumenblättern des schönen Gewächses. In solchen Vergleichungen gefiel sich das Alterthum.
Mannichfaltig sind die Fabeln, welche von der Entstehung und Färbung dieser schönen und beliebten Blumen sprechen. Sie waren anfangs weiss; als aber Venus, dem verwundeten Adonis zu Hülfe kommend, in dorniges Gesträuch trat, und ihren Fuss verletzte, rötheten sich die Rosen der Gebüsche. Eine herrliche antike griechische Statue existirt in Florenz, die Venus darstellend, wie sie sich einen Dorn aus dem Fusse zieht. Andere lassen die Rose selbst unmittelbar aus dem Abendsterne (Stella Veneris) herab kommen. Ausonius lässt die Rose aus dem Blute des Eros entspringen, Bion aus dem Blute des Adonis.
Endlich lassen die Dichter der Vorzeit noch die liebliche Blume aus dem Nektar entstehen, den zufällig Cupido bei einem Göttermahle verschüttete.
Nicht nur Aphrodite und Eros, sondern noch manche andere Gottheiten kommen mit Rosen bekränzt vor, insbesondere die Grazien, als Dienerinnen der Venus. Zu Elis hielt eine von den Grazien eine Rose, die andere einen Spielknochen (Talus) und die dritte einen Myrtenzweig. Die Rose und die Myrte deuten auf Schönheit, der Knochen auf die spielende Jugend. Auch Hebe oder Juventus die Göttinn der Jugend, die Mundschenkin der Götter, wird mit Rosen geziert dargestellt; nicht minder Ganymedes, dem dasselbe Amt im Olymp oblag, und Erato die Muse der erotischen Gesänge, so wie ihre muntere Schwester Thalia.
Wenn Aurora die Pforten des Tages öffnet, so bestreut sich der Himmel mit purpurfarbenen Rosen und zahlreichen Blumen.
Selbst Dionysos kommt bisweilen mit Rosenkränzen umwunden vor. Als Bakchos aus Thracien sich nach dem Berge Tmolus in Phrygien begeben hatte, ward Silenus sein Lehrer in den Rosengärten des Midas, durch einen mit Wein gemischten Quell berauscht, in Fesseln zu Midas gebracht. Auch um den Scheitel des Gottes des Schmauses, Komos, windet sich ein Kranz von frischen Rosen.
Der Friede (Pax) wird auf Münzen öfters als ein mit Rosen bekränztes Frauenzimmer dargestellt.
Die Rose ist das vorzüglichste Symbol der Schönheit, und die Dichter der Vorzeit, wie der Gegenwart, so oft sie etwas Schönes, Liebliches und Annehmliches darstellen wollen, vergessen selten auf sie zurück zu kommen. Wenn Jupiter, sagt Achilles Tatias, dem Gewächsreiche einen König geben wollte, so würde die Rose die Herrschaft erhalten : sie ist die Zierde der Erde, das Licht der Pflanzen, das Auge der Blumen, das Symbol der Liebe und der Aphrodite, die allezeit mit rosigem Munde spricht. Die Rose, ausgezeichnet durch die Pracht ihrer Farbe, wie durch die Lieblichkeit ihres Geruches, ist, nach dem Ausspruche des Anacreon, die Freude der Götter und Menschen, die Zierde der Grazien, die Freundin der Musen und rothwangigen Nymphen. Mit der lieblichen Rothe der Rosen schmückt Aphrodite ihre Gespielinnen.
Die Rose in ihren Knospen, unberührt und eben sich öffnend, ist ein sehr liebliches Emblem der Unschuld und Reinheit; was besonders Cutull vortrefflich auszuführen wusste, indem er eine Jungfrau mit einer im Verborgenen blühenden Rose vergleicht.
Die Rose ist ferner ein Symbol der Wollust und Weichheit: glücklich Liebende vereinigen die Dichter mit Rosenbanden ; wenn Eros mit den Grazien tanzt, so sind sie mit Rosenknospen geziert. Diodorus Siculus und Seneca sprechen von einem wollüstigen Sybariten, Smyndrides genannt, der nicht schlafen konnte, wenn eines der Rosenblätter, die zahlreich auf sein Bett gestreut werden mussten, eine Falte bekam.
Aber so schön die Rose ist, so vergänglich ist auch ihr Daseyn und erinnert dadurch an das schnelle Verschwinden der Freuden, welche Aphrodite gewährt; oft folgt ihnen eine Schamröthe, die Farbe der Rose darstellend, und wie die schönste der Blumen nicht ohne Dornen ist und nicht selten die pflückende Hand verletzt, so säet keine Göttinn häufiger, als die freundliche Venus und ihr lieblicher Sohn, quälende Sorgen in die Brust der Sterblichen.
Ein frühzeitiger Tod wurde durch eine Rose angedeutet, welche man auf Grabsteinen sieht.
Vielfach dienten die Rosen zur Verherrlichung der Feste der Vorzeit. Bei denen, die dem Hymen zu Athen im Anfang des Frühlings gefeiert wurden, erschienen junge mit Rosen geschmückte Mädchen, den Busen mit frischen Rlumen geziert, mit Knaben führten sie Hirtentänze auf, die Unschuld der Urzeiten darzustellen.
In Rom feierte man am 23. April der Venus Erycina ein Fest, wo die Töchter der Freude ihre Bildsäule mit Myrten und Rosen schmückten und die Göttin anriefen, ihnen die Kunst zu gefallen zu schenken.
Noch war die Rose ein Symbol der Verschwiegenheit. Liebende haben oft Geheimnisse zu bewahren; darum gab Cythere dem Harpocrates eine Rose, um ihn so an die Pflicht der Verschwiegenheit zu erinnern. Eine Rosengirlande, gewunden um den Trinkbecher, erinnerte den fröhlichen Zecher, dass der Wein zwar des Menschen Herz erfreue, aber die Macht nicht haben dürfe, der Zunge Geheimnisse zu entlocken. Was ein strenges Stillschweigen erheischte, eröffnete man dem Freunde sub Rosa, und ein Bild dieser Blume, an die Decke der Speisesäle eingegraben, hat daher die Absicht, an die Pflicht der Verschwiegenheit zu erinnern.
Ein Rosenkranz war in spätem Zeiten der Lohn der Dichter, wie aus der Geschichte der Academie des Jeux floraux, der alten Troubadours, zureichend bekannt ist.
Der berühmte isländische Künstler Thorwaldson verfertigte eine herrliche Bildsäule, Tag und Nacht vorstellend, als schöne weibliche Gestalten mit Gewand und Flügeln, der Tag mit Rosen gekränzt und von zwei muntern Knaben mit brennenden Fackeln umschwebt; die Nacht mit dem Mohnkranze geziert und schlummernde Kindlein von unendlicher Lieblichkeit haltend."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)