"Auch der Quittenbaum, Pyrus Cydonia L., ist zu bekannt,
als dass es nöthig wäre, sich bei dessen Beschreibung
aufzuhalten ; es gibt davon verschiedene Varietäten,
die man nach der Form der Früchte unterscheidet, auch
deshalb Birne-Quitte, oder Apfel-Quitte nennt. Nur von
dieser letzteren ist in der Mythologie der Alten die Rede
und zwar war, nach Wallrotlis Untersuchung, jene Varietät, die Columella
Cydonia chrysomelina nennt, der Liebes- oder Goldapfel
der Idyllendichter und vielleicht auch des Mythus;
wenn ihn Plinius dadurch kenntlich macht, dass er goldgelb
und durch Einschnitte und Streifen sehr schön gezeichnet
sey, so kann es keine andere seyn, als die Portugiesische
Quitte (Cydonia lusitanica Miller). Sie hat grosse
Blumen; ihre Frucht ist gerippt, grösser und nicht so steinig
und so herb, wie die der gemeinen Quitte; auch der
Baum ist stärker, aber gegen die Kälte empfindlicher.
Der Quittenapfei war der Venus heilig, und bei den
Griechen ein Geschenk der Liebe, dessen Gabe und Annahme
bedeutungsvoll war. Auf dem
Wagen der Venus streute man, wie Athenaeus berichtet,
nicht nur Myrten, Veilchen und Rosen, sondern auch
viele Quittenäpfel. In der Gemmensammlung des Herzogs
von Orleans kommt eine Gemme vor, eine Venus vorstellend,
welche in ihrer Hand einige Quittenapfel hält.
Der Apfel in der Hand der Venus, von welchem Winkelmann
redet, ist also wohl ebenfalls ein Quittenapfel.
Allbekannt ist die Gewohnheit der Griechen, diese
Früchte als Liebespfand zu gebrauchen, und durch dieselbe
sich der gegenseitigen Zuneigung zu versichern,
worauf so viele Stellen der Alten hindeuten, die Wallroth
gesammelt hat.
Akontius aus Cea, scbön aber arm, sah bei dem
Dianenfeste auf Delos Cydippen, ein reiches, vornehmes
Frauenzimmer, in das er sich verliebte; aber keine mündliche
Erklärung wagend, verbarg er einen Zettel in einen
(Quitten-) Apfel , den er in Dianens Tempel unvermerkt
vor dem Mädchen fallen liess. Diese nahm den Apfel
auf, fand die Schrift und las die Worte ab: „Ich schwöre
bei Dianens Heiligthum, des Akontius Gattin zu seyn.“
Ein Versprechen, in der Göttin Tempel abgelegt, muss
unverbrüchlich gehalten werden , und Akontius erreichte
den Zweck seiner List.
Nichts anderes, als eine Quitte, dürfte der goldene
Apfel der Eris gewesen seyn, der der schönsten der Göttinnen
zugetheilt werden sollte ; weder Pallas noch Juno
erhielten ihn, sondern der Schiedsrichter Paris stellte ihn
der Venus zu. Eben so möchte man Quitten verstehen
müssen, wenn Venus drei goldene Aepfel dem Hippomanes
schenkte, durch die er die Hand der Atalanta
gewann.
Den jungen Eheleuten verordnete Solon vor der ersten
Brautnacht eine Quitte zu essen, eine Gewohnheit, deren
Sinn schon Plutarch zu enträthseln suchte: denn diese
Früchte haben bei ihrem Wohlgerucbe einen süssen und
lieblichen Geschmack, doch nicht ohne Beimischung von
etwas Herbem und Zusammenziehendem , ein Vorgeschmack
der Leiden und Freuden der beginnenden Ehe!
Die Quitte, sagt Winkehnann scheint
überhaupt ein Symbolum und eine Erinnerung des Missvergnügens
und der Fröhlichkeit in der Ehe zu seyn;
auch gedenkt er der Sitte der Verliebten, sich einander
Quitten zuzuwerfen.
Die Bildsäule der Nemesis, von der Meisterhand des
Phidias, hat in der einen Hand den Zweig eines Apfelbaums,
wahrscheinlich eines Quitten-Apfels, denn Pausanias
berichtet: diese Göttinn habe sich vorzüglich
in der Liebe wirksam bewiesen."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)