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"[IV.162. - Wolfsmilcharten] - Euphorbia characias (Euphorbiaceae) - Characias-Wolfsmilch
Es gibt sieben Tithymalosarten, von denen der männliche Charakias, von Einigen auch Kometes, der mandelähnliche oder auch Kobios genannt wird. Der andere, weibliche, oder Myrtites, heisst auch Karyites oder Myrsinites; weitere sind der Paralios, den Einige Tithymalis nennen, der Helioskopios, der Kyparisias, der baumartige und der Platyphyllos. Die Stengel des Charakias genannten sind über eine Spanne lang, röthlich, voll eines scharfen, weissen Saftes. Die Blätter an den Zweigen sind denen des Oelbaumes ähnlich, aber grösser und schmaler. Die Wurzel ist derb und holzig. An der Spitze der Stengel ist eine Dolde von binsenartigen Zweiglein, weiche oben muldenartige Gebilde haben, in denen die Früchte sitzen. Er wachst in rauhen und bergigen Gegenden.
Der Saft hat die Kraft, den Bauch nach unten zu reinigen, wenn er in der Menge von 2 Obolen mit Essigwasser genommen wird, indem er Schleim und Galle abführt; mit Honigwasser benwirkt er aber auch Erbrechen. Der Saft wird zur Zeit der Herbsternte gewonnen; indem die abgeschnittenen Zweige zusammengestellt werden, man muss sie aber in einen Topf schräg richten. Einige mischen ihm auch Erbsenmehl zu und formen daraus Pastillen von Erbsengrösse; Andere lassen drei bis vier Tropfen auf getrocknete Feigen fallen, trocknen ihn so und bewahren ihn auf. Er wird aber auch für sich allein im Mörser geknetet und in Pastillenforin aufbewahrt. Bei der Saftgewinnung darf man sich aber nicht gegen den Wind stellen, auch nicht die Hände an die Augen bringen, man muss vielmehr, bevor man zur Saftgewinnung schreitet, den Körper mit Fett oder mit Oel und Wein einsalben, besonders das Gesicht, den Hals und den Hodensack. Er macht den Schlund rauh; deshalb muss man die Pillen (Bissen) mit Wachs oder gekochtem Honig überziehen und so darreichen. Das Einnehmen von zwei bis drei Feigen reicht um Purgiren zu bewirken. Der frische Saft entfernt auch die Haare, wenn er mit Oel in der Sonne eingestrichen wird. Die nach- wachsenden macht er gelb und dünn und vernichtet sie schliesslich alle. Er wird auch in die hohlen Zälitie gesteckt, da er die Schmerzen lindert; man muss aber die Zähne mit Wachs zufüllen, damit er nicht ausfliesst und Schlund und Zunge verletzt. Aufgestrichen vertreibt er ferner Ge- schwüre und gestielte Warzen, sowie Feigwarzen und Flechten, ist auch ein gutes Drittel bei übergewachsenen Nägeln und Karbunkeln, bei krebsigen, fressenden Geschwüren und Fisteln. Auch die im Spätherbst gesammelte und in der Sonne getrocknete Frucht wird sanft gestossen und abgesiebt und rein aufbewahrt, dasselbe geschieht mit den trockenen Blättern. Die Frucht aber und die Blätter leisten dasselbe wie der Saft., wenn sie so viel wie ein halbes Essignäpfchen voll im Trank genommen werden. Einige machen sie sogar ein, indem sie Kresse und Käse mit Milch gestossen zumischen. Auch die Wurzel, 1 Drachme in Honigwasser gestreut und getrunken, reinigt den Bauch: mit Essig gekocht als Mundspülwasser hilft sie bei Zahnschmerzen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)