"Was auch Wallroth mit eben so viel Scharfsinn als Belesenheit gesagt hat, um zu beweisen, dass die Aepfel der Hesperiden nichts anderes, als die Quitten seyen, so zerfällt doch diese Annahme sogleich, wenn man des Jesuiten Johann Baptist Ferrara aus Siena herrliches Werk gelesen, und die zahlreichen dort abgebildeten Antiken genau betrachtet bat.
Die Abbildungen der beiden Statuen, wovon die eine bei Anagni, die andere bei Benevento gefunden wurde, zeigen deutlich genug, dass die Aepfel der Hesperiden wirklich nichts anderes sind, als die Pomeranzen, Citrus Aurantium L.
Allbekannt ist der Zug des Herkules nach dem Garten der Hesperiden, um dort auf den Befehl des Eurystheus die goldenen Aepfel zu holen. Ueber die Lage dieses Gartens sind der Vermuthungen schon viele geäussert worden; aber mit Recht vereinigen sich die meisten Stimmen dahin, ihn im nördlichen Afrika zu suchen, denn noch jetzt wachsen Citronen und Pomeranzen da wild; auch im Gebiete von Derna kommen sie vor.
In den jüngsten Zeiten hat insbesondere Paccho, der eine Reise in das alte cyrenaische Gebiet unternahm, die Lage dieses berühmten Gartens näher zu bestimmen gesucht, die wahre Lage desselben glaubt dieser scharfsinnige Naturforscher in dem Promontorium Thycus zu erkennen. Die Gründe für seine Meinung sind: 1) dass dieses Vorgebirge einen Haven enthalte, welchen die Phönicier besuchten, und wo die Argonauten landen konnten ; 2) dass es hohe und schroffe Abhänge hat; 3) dass er in den Gehölzen und Gebüschen, die auf der Spitze des Kaps stehen, alle die Pflanzen wieder aufgefunden hat, welche von Skylax so ängstlich aufgezählt werden.
Es ist also anzunehmen, dass die Früchte, welche, nach einem von Athenaeus mitgetheilten Mythus, die Erde bei der Vermählung des Jupiter mit der Juno erzeugt habe, Agrumen sind, und wenn Herkules, wie so oft mit Aepfeln in der Hand dargestellt vorkommt, so sind sie wohl auch allezeit auf die der Hesperiden zu beziehen. Gewöhnlich sind es drei Aepfel, die nach Creuzer ein Sinnbild der drei alten Jahrszeiten bilden; Ferrarius dagegen sieht sie als Symbole der drei glänzendsten Tugenden des Halbgottes an, nämlich Mässigkeit, Enthaltsamkeit von Wollüsten, Freigebigkeit; vielleicht deutet man sie am einfachsten auf die Bewohnerinnen des Hesperiden-Gartens selbst, deren drei waren.
Einen sehr treffenden Beweis, dass die Aepfel der Hesperiden unsere Agrumen sind, geben auch die zahlreichen Münzen ab, welche Ferrarius abbilden liess; die alten Cäsaren hatten nämlich die Gewohnheit, sich in herkulischer Tracht und mit den Attributen des Herakles darstellen zu lassen, wobei denn auf manchen die Zweige des Pomeranzenbaums nicht zu verkennen sind.
Zu den Mysterien des Bakchos gehören auch die goldenen Aepfel der melodischen Hesperiden, die darum auch von Theocrit die Aepfel des Dionysos genannt werden.
Wenig bekannt ist die Mythe des Harmonillus, der seines herrlichen Spieles wegen von Apoll gekrönt und dann in einen Hesperidenbaum verwandelt wurde ; dasselbe Schicksal hatte Tirsenia, seine Mutter, und als des Harmonillus Schwester, die schöne Leonilla, eine Amazone der Diana , unwissend eine Pomeranze von dem Baume der Tirsenia schoss, erlitt auch sie die nämliche Metamorphose. Mit meisterhafter Kunst sind diese Scenen in dem Werke des Ferrarius bildlich dargestellt, so wie die Ankunft der Hesperiden (Aegle, Arethusa, Hyperthusa) mit ihren köstlichen Früchten in Italien, unter dem Geleite des Apoll und geführt von Poseidon mit seinen Tritonen."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)