"Von diesen schönen, meistens immergrünen Gewächsen,
die man nicht unpassend die Palmen des Nordens
genannt hat, gibt es nicht nur eine ansehnliche Zahl von
Arten, sondern sie bilden auch im Norden von Europa,
Asien und Amerika grosse dichtgeschlossene Wälder, die
der linienförmigen steifen Blätter wegen Nadelhölzer oder
Nadelwaldungen heissen. Pflanzen von so auffallendem
Baue, wie diese Zapfenträger (Coniferae), müssen sehr
bald die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben , und
wir finden sie daher vielfältig in die Mythologie der
Griechen und Römer verflochten. Hier mögen folgende
eine Stelle erhalten:
1) Die Fichte der Cybele oder die Pinie, auch Zirbelbaum
oder zahme Pinie, Pinus Pinea L. Sie ist im südlichen
und wärmeren Europa einheimisch und dauert bei
uns im Freien nicht aus. Viel gleicht dieser schöne Baum
unserer gemeinen Föhre, aber seine zuerst sich entwikkelnden
Nadelblätter stehen einzeln und sind gewimpert,
und seine übrigen gepaarten Nadeln sind viel länger als
bei unserm Fichtenbaum. Am besten unterscheidet man
aber die Pinie an der Frucht, welche aus ungefähr vier
Zoll langen und fast eben so dicken Zapfen besteht, woran
ungefähr 20 Nüsse sich befinden, die man Piniolen
oder Zirbelnüsse nennt, und welche einen sehr angenehmen
Geschmack haben, ähnlich dem der Pistacien oder
süssen Mandeln, und die man in Italien zum Nachtische
vorzusetzen pflegt.
Cybele, über den Verlust ihres Gatten, des Atys, den
Macon hinrichten liess, betrübt, verfiel in einen an Wahnsinn
gränzenden Schmerz, suchte die Einsamkeit und verweilte
am liebsten unter einer Fichte, in welche sie ihren
Liebling verwandelt glaubte. Zu Ehren
der Rhea oder Cybele feierte man im Alterthum an
verschiedenen Tagen Feste; an dem Trauertage, den
21. März, hieb man die Pinie oder fruchttragende Fichte
ab, in deren Mitte das Bild des Atys aufgehängt war,
und verpflanzte den Baum in den Tempel der Göttin.
Aedestes, sagt die Mythe, bat den Zeus, dass er den Atys
wieder vom Tode erwecke; aber der oberste der Götter
liess nur zu, dass er nicht verfaule, sondern als Fichte
immer grüne.
Die Zirbelnüsse hiessen im Alterthume auch die Aepfei
der Cybele, daher sagt Martialis:
Die Pinie war auch im Alterthume ein Symbol des
Betrugs, indem der an ihrem Stamme Sitzende leicht durch
die von der Krone herabfallenden schweren Früchte verletzt
wird.
Sie war auch ein Sinnbild der Zerstörung. Crösus
drohte der Stadt Lampdakus: er wolle sie gleich einer
Pinie zerstören und verderben.
Diese nachher so oft gebrauchte und zum Sprichworte
gewordene Redensart halte offenbar darin ihren Grund,
dass die Fichten, nicht wie die Eichen, Buchen und andere
Laubhölzer, wenn der Stamm abgehauen ist, wieder
aus der Wurzel ausschlagen, sondern für immer abstehen
und verderben, indem sie sich nur durch den Samen fortpflanzen.
An Pinien der Feldgränzen hing man Oscilla auf;
dies waren Bilderchen, von denen man glaubte, dass sie,
vom Winde bewegt, Segen durch die Weinpflanzungen
verbreiteten.
In den Händen des Aeskulap findet man auch öfters
eine Pinienfrucht ;
sie war, wie Sprengel sagt ein Symbol der durch die Kureten
entstandenen Kultur und besonders des Anbaues milder
Früchte. Daher waren auch die Pinien beim Dienst der
Demeter in den Thesmophorien gebräuchlich ; eben so
findet man sie auf den dem Dionysos geweihten Thyrsusstäben.
Der Wein wurde ehedem und wird noch jetzt
in Griechenland mit Fichtensprossen versetzt.
Auf einer Weihtafel aus dem Tempel des Aeskulap
fand man folgende Inschrift:
Julian schien nach einem Bluthusten ohne Hoffnung
verloren zu seyn. Der Gott befahl ihm durch Orakelspruch,
zu kommen und vom Altare Pinienkorner zu nehmen, und
diese mit Honig vermischt drei Tage lang zu essen. Er ward
gerettet, und kam und dankte Gott vor allem Volk.
Also die Zirbelnüsse ein Mittel gegen die Lungenschwindsucht!
Und siehe, etwas Aehnliches hat sich in
neueren Zeiten bestätigt. Die Frucht der Arve, Pinus
Cembra L sagt Heiners, ist in Ansehung der Figur
den Tannenzapfen sehr ähnlich, unterscheidet sich aber
auf eine vortheilhafte Art durch die Heilkräfte der kleinen
Nüsse, welche sie enthält. Der Saft dieser Arvennüsse
ist eine von den kräftigsten Arzneien für erschöpfte,
auszehrende oder an der Lunge leidende Personen. Ich
kenne in Bern eine angesehene Familie, aus welcher wenigstens
3 —4 Personen ihr Leben der Milch der Arvennüsse
zu verdanken haben u. s. w.
Die Pinie war auch ein Symbol des Todes, wohl aus
demselben Grunde, als sie ein Sinnbild der Zerstörung
hiess; Pfeile aus Pinienholz, deren Homer gedenkt, deuteten
also auf tödtliche Wunden, die damit beigebracht wurden.
Mit einem Fichtenkranze geschmückt kommt Chlae
vor, unter einem Pinienbaum sitzend, und selbst mit dessen
schlanken Zweigen umwunden. Daphnis, des Mercur
Sohn, nahm einst den Fichtenkranz vom Haupte der
Chlae und zierte sich selbst damit."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)