"Die meisten Pappel-Arten wachsen im nördlichen Amerika wild, aber auch Europa hat die seinigen. Wenn Populus tremula und nigra vorzugsweise im Norden dieses Welttheiles wachsen, so gehören Populus graeca, P. dilatata und P. alba mehr dem Süden an. Es ist hier vorzugsweise zu betrachten:

1) Die Pappel des Herkules. Populus graeca Aiton, mit welcher die gemeine weisse Pappel, Populus alba L., zumal in Hinsicht der Blattfarbe, grosse Aehnlichkeit hat. Unter dem Sinnbilde des Herkules stellte das Alterthum, gleich unter dem des Saturnus, bildlich die Zeit dar, und nicht ohne physischen Grund findet man daher oft diesen Heroen der Vorzeit mit einem Pappelkranze gekrönt. Auch die auf den Altären des Herakles Opfernden bekränzten sich mit den Blättern dieses Baumes. — Auf der untern Seite sind sie schön weiss, auf der obern dunkelgrün; mit dem Sommer- Solstitium drehen sie sich, so dass an diesem Umstande die Jahreszeit erkannt werden kann; auch an den Weiden und Rüstern hat man etwas Aehnliches wahrgenommen.
Von der letzteren sagt Houttuyn: Dem gemeinen Volke dient dieser Baum gewissermasen als ein Kalender; denn weil sich die Blätter gleich, wann der längste Tag vorbei ist, ganz umkehren, so nehmen die Landleute dieses zum Merkmale, dass die Tage wieder anfangen, kürzer zu werden.
Herkules, sagt eine Mythe, war mit der Silberpappel bekränzt, als er, vom Acheron zurückkehrend, den Cerberus heraufschleppte. Homer nannte sie deshalb die acherontische, wie sie denn auch überhaupt an feuchten Orten zu wachsen pflegt.
TIepolemos, einer von der Helena Freiern, zog mit den Rhodiern gen Troja, und ward da von Sarpedon erschlagen. Die Rhodier brachten seine Asche nach ihrer Insel zurück, und feierten jährlich seinen Todestag durch Kampfspiele der Knaben, wobei dem Sieger ein Kranz von Weiss-Pappel lohnte. Ueberhaupt bezeugt man ausharrenden Helden diese Ehre, wie dem Teucer bei Horaz und den Jünglingen der Gymnasien.
Satyre kommen bisweilen mit einem Pappelkranze vor. Die griechische Pappel war insbesondere noch den Manen (Piis manibus) geweiht, womit man vielleicht auf ihr Wachsthum an dem Flusse der Unterwelt hindeuten wollte.
Orpheus, um in die Zauberkünste der Hekate eingeweiht zu werden, zündete einen Scheiterhaufen an, zu dem er auch Pappelholz nahm.

2) Die Pappel der Heliaden. Populus nigra Linne. Phaethon, Sohn des Helios und der schönen Klymene, wurde seiner bekannten Unvorsichtigkeit wegen von Zeus in den Eridanus gestürzt. Seine Schwestern, die Heliaden (Lampetie, Phaethusa und Aegla) fanden ihn dort und beweinten ihn schmerzlich \ die Götter erbarmten sich ihrer und verwandelten sie, um ihren Gram zu enden, in schwarze Pappeln, deren Thränen zu Electron verhärteten.
Zu dieser Mythe gab wohl die Beobachtung Veranlassung, dass die Knospen dieser Bäume im Frühjahre eine harzige Materie absondern, die, von der Sonne beschienen, in Tropfen herabfällt und später zu einer der Farbe nach dem Bernstein ähnlichen Materie wird.
Die italienische schwarze Pappel (Populus italica du Rot oder P. pyramidata Mönch), die man bei uns so häufig zur Zierde ziehet, scheint diese Eigemchaft nicht zu haben, dagegen sie die in Sibirien und Nordamerika einheimische Populus balsamifera in sehr ausgezeichnetem Grade besitzt.
Bei den feierlichen Spielen, die man zu Rhodos dem Sonnengott zu Ehren hielt, war des Siegers Preis ein Pappelkranz, und mit einem solchen pflegten sich auch Liebende zu zieren."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)