"Noch jetzt findet man in unsern Officinen ein Arzneimittel
unter dem Namen Skammonium , das freilich
nur selten noch von den Aerzten verordnet wird, so
häufig auch vor einem Jahrhunderte noch dessen Anwendung
war. Wenn unser Skammonium nicht das der
Alten ist, so wird es doch immerhin eine demselben sehr
ähnliche Substanz seyn. Recht gut wissen wir, dass das
heut zu Tage gebräuchliche Skammonium von Convolvulus
Scammonia L. bereitet wird; ob aber das
der Alten von derselben Pflanze gesammelt wurde, ist
eine andere Frage. — Dioscorides sagt von dem Gewächse
, welches das Skammonium liefert, es habe viele
an drei Ellen hohe saftige und einigermaßen rauhhaarige
Stengel, eben so rauhe dem Wandkraut oder dem Epheu
ähnliche, doch weichere , dreieckige Blätter, weiße becherförmige
starkriechende Blumen ; eine sehr lange, armsdicke , weiße , geruchvolle und mit Milchsaft angefüllte
Wurzel, von welcher letzteren der Saft gesammelt und
aufbewahrt wird, wozu ausführlich das Verfahren angegeben
, und die Kennzeichen der Güte bemerkt werden.
Das Beste erhalte man aus Mysien , einer Gegend
in Asien. Dieses alles bezieht nun Sprengel auf Convolvulus
farinosus L. welche in Mysien, Livadien
und dem Peloponnes häufig wild wächst; wobei aber
zu bemerken 1) dass die Beschreibung des Dioscorides
mit dieser Pflanze nicht gehörig übereinkommt 2) wenn
Houttuyns Angabe richtig ist, welcher sie als ein
Sommergewächs angibt, so zerfällt jene Annahme von
selbst, denn eine jährige Pflanze hat keine sehr lange
armsdicke, saftige Wurzel. 3) Wächst in Mysien auch
Convolvulus Scammonia, von der man, wie bereits
bemerkt, noch jetzt das Arzneimittel bereitet.
Sprengel nimmt ferner an, dass von der zuletzt genannten
Pflanze die schlechtere Sorte Skammonium
komme, die, wie Dioscorides sagt, aus Syrien und Judaea
gebracht werde; wogegen aber zu erinnern ist,
dass Dioscorides keineswegs von einer zweiten Skammoniura-
Pflanze spricht, sondern nur sagt: das aus den
genannten Gegenden kommende Büttel sey schlechter,
weil es dort mit Mehl und Euphorbiensaft verfälscht
werde. Tournefort, der die Sache an Ort und Stelle
untersuchte, ist ganz dieser Meinung, und theilt überhaupt
interessante Nachrichten von dem Skammonium
mit, die aber zu ausführlich sind um sie hier mitzutheilen
, ich muss daher auf sein Buch selbst verweisen). Endlich kann ich nicht umhin auf eine Pflanze
aufmerksam zu machen , die wie ich glaube gut auf die
Beschreibung des Dioscorides passt; ich meine Convolvulus
sagittifolius Sibth. , die auf Samos
und den übrigen griechischen Inseln wild wächst. Meine
Gründe sind folgende: 1) diese Pflanze windet sich
nicht, wovon auch Dioscorides gar nichts sagt, 2) sie
hat rauhhaarige Blätter, wie sie Dioscorides angibt, weder
bei C. farinosus noch C. Scammon. ist dies der
Fall, 3) sie hat weiße Blumen gerade wie D. sagt; C.
farinos. und C. Scammon. haben dagegen mehr röthliche;
4) sie perennirt , kann also auch eine große starke
Wurzel besitzen.
Das Skammonium war bei den Alten sehr im Gebrauche
, als Purgans gab man dasselbe zu einer Drachme
mit Wasser, bloß als eröffnendes Mittel zu 26 Gran
mit Sesam oder einem andern Samen. In solcher Dosis
dürfen wir unser Skammonium nicht geben , ein
Umstand , der noch zu weitern Forschungen Stoff darreicht.
Die Hippokratiker bemerken im Allgemeinen von
dem Skammonium, es führe den Schleim sowohl als die
Galle nach oben und unten ab , doch wendete man
es mehr bei galligen Unreinigkeiten an . Man gab
es, wenn in hitzigen Krankheiten Purgirmittel nöthig
schienen, wenn der Kranke über Borborygmen klagte,
und der Stuhlgang galliger Art war; dann sagt Hippokrates
muss man mit Skammonium mäßig purgiren ,
eben so diente es bei langwierigen fieberlosen Krank-
heiten als Purgans . Bisweilen wurde auch die Wurzel
selbst als Abführungsmittel gegeben namentlich bei
Steinbeschwerden ; auch bei Leberkrankheiten wurde
Shammonium gebraucht . Endlich wurde noch dasselbe
zum Räuchern bei Weiberkrankheiten verwendet und in Pessarien beigebracht."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)