"Wir sprechen hier von dem Olivenbaum, Olea europaea L. , weil es wahrscheinlich ist, dass die Griechen das meiste Oehl, dessen sie sich bedienten von den Früchten dieses Baumes zogen, so zwar, dass man annehmen kann, wenn vom Oehle ohne Beisatz die Rede ist, das Olivenöl verstanden werden müsse.
Ob der Oehlbaum , von dem es jetzt eine große Zahl Varietäten gibt, ursprünglich in Griechenland wild wächst ist ungewiss, allein cultivirt wird er daselbst schon seit den ältesten Zeiten her. Pausanias erzählt Herkules habe bei seiner Rückkunft aus den byperborischen Gegenden eine Keule aus dem Holze wilden Oehlbaums , der damals noch unbekannt war , mitgebracht; in die Erde gesteckt habe diese Keule wieder anfangen zu grünen, und zwar in der Nähe des Flusses Alpheus, wo später schone Olivenwälder waren. Vielleicht liegt dieser Fabel dennoch etwas Wahres zum Grunde. Mehrere andere Sagen von dem Erscheinen des Oehlbaums bei den Griechen übergehen wir hier.
Die Hippokratiker bedienten sich der Blätter des Oehlbaums ziemlich häufig zum äußern Gebrauche, wie zu Bähungen mit Wasser gekocht zu Cataplas bei Entzündungen , bei Geschwülsten zum Räuchern gegen den weißen Fluss mit der Schale der Coloquinte . Zur Stillung des Mutter- Blutflusses ließ man die Blätter des wilden Oehlbaumes mit scharfem Essig kochen und das Dekokt einspritzen . Zur Wiederherstellung der Menstruation ließ man weiße Oliven, ehe sie Oehl enthielten, fein zerschnitten in Wein digerirt, nehmen.
Das Oehl selbst, wurde von den hippokratiscben Aerzten nicht selten in Krankheiten angewendet. — Bei Cholera sicca wird der innere Gebrauch des Oehls angerathen, und bemerkt, es führe gelind ab und lindere die Schmerzen . Bei Engbrüstigheit soll der Kranke warmes Brod in Wein und Oehl getaucht, essen . Bei Seitenschmerzen soll man Oehl in die Lendengegend und Schenkel einreiben , an einem andern Orte wird angerathen bei Pleuritis am fünften oder sechsten Tage Oehl einzureiben . Bei der Bräune soll man ein Cataplas aus Mehl, warmem Wein und Oehl umschlagen . Bei Starrkrampf, so wie bei Volvulus soll warmes Oehl eingerieben werden , dasselbe Verfahren wird in typhösen Krankheiten , so wie gegen arthritische Beschwerden gerühmt. — Mit Oel und einem Malvendekokt ließ man die Genitalien bei schweren Geburten befeuchten, auch Oehl innerlich nehmen . Hysterischen spritzte man warmes Oehl in die Gebärmutter . Bei Physometra ließ man die Kranke in warmes Oehl sitzen u. s. w."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)