"Olea europaea
"Aus den Früchten der Olea europaea, und zwar vorzüglich von der Varietät sativa, wird durch Auspressen das Baum- oder Olivenöhl, Oleum Olivarum, gewonnen. Nach Verschiedenheit der Spielart der Öhlbäume und des Bodens, auf dem sie angebauet sind, und der Behandlung beym Auspresen, fällt auch das Öhl sehr verschieden aus. So ist das Öhl, welches aus der Provence , Languedoc und der Umgegend von Genua unter dem Namen Provenceröhl zu uns kommt, das feinste und beste. Um das Öhl zu gewinnen, werden die fast vollkommen reifen Früchte in einem Troge durch einen in demselben wagerecht sich bewegenden Mühlstein zu einem Teige zerquetscht und dann in kleinen, aus Binsen geflochtenen Säcken ausgepresst. Das durch diese Behandlung vermittelst eines nur geringen Druckes der Presse erhaltene Öhl, Jungfernöhl genannt, ist fast geruchlos, von angenehm süßlichem Geschmacke und auch weißer und heller und überhaupt besser, als das, was noch weiter aus dem Rückstände gewonnen wird; daher kommt denn das weiße als weißes Baumöhl, Oleum Olivarum album, und das gelblichweiße, als Provenceröhl, Oleum provenciale, zu uns. Das Öhl, was nun bey stärkerem Drucke der Presse folgt, ist schon von minderer Güte. Mehr noch nachstehend ist das, welches aus dem in den Säcken gebliebenen Rückstande durch Vermischung mit kochendem Wasser und nochmaliges starkes Auspressen auf dem abfließenden Wasser sich sammelt, und von diesem mit einem Löffel abgeschöpft wird. Im frischen Zustande ist dies aber immer noch ein gutes Ohl, und zwar das gemeine Baumöhl, Oleum Olivarum commune , welches von dunklerer, grünlich -gelblicher Farbe und einem eignen, wenn auch nur schwachen Geruche, jedoch von noch mildem Geschmacke sich zeigt. Der nach der dritten Auspressung übrig gebliebene Rückstand giebt durch abermals wiederholtes Pressen noch ein ganz schlechtes Baumöhl von üblem Gerüche und Geschmacke und von grünlicher Farbe, welches von so dicklicher Beschaffenheit ist, dass es auch nacht einmal zum Brennen angewendet werden kann, und daher nur zur Bereitung der Seife und dergleichen benutzt wird.
Das frische Baumöhl besitzt dieselben Kräfte wie andre milde Öhle, und könnte eben so wie das Mandelöhl angewendet werden, da man dieses aber stets frisch haben kann, so wird es ihm auch vorgezogen. Zum äußerlichcn Gebrauche kann das Baumöhl aber stets ohne Bedenken augewendet werden. Meist wird es äußerlich gebraucht ; von Malacarne ist es indessenauch innerlich bey der herumziehenden Gicht empfohlen worden, und zwar sollen in zweymal 48 Stunden zwey bis drey Pfund in Gaben von vier Unzen gegeben werden. Übrigens wird das Baumöhl vorzüglich zur Bereitung der Pflaster, Salben, Linimente, gekochter Öhle und andrer Präparate benutzt."
(Gottlob Friedrich Hayne: Getreue Darstellung und Beschreibung der in der Arzneykunde gebräuchlichen Gewächse. Zehnter Band. 1827)