"Zu den wichtigsten, nützlichsten und einträglichsten Erzeugnissen des Pflanzenreichs im südlichen Europa gehört die Olive oder der Oelbaum, Olea europaea L. Ganze Provinzen leben fast einzig von dem Ertrage dieses schätzbaren Baumes; kein Wunder also, dass ihn das Alterthum als ein unmittelbares Geschenk der Götter ansah.
Minerva brachte, nach dem Zeugnisse des Kekrops den Oelbaum zuerst nach Griechenland. Nach dem Ausspruche der Götter sollte die Provinz Attica demjenigen eingeräumt werden, der diesem Lande das nützlichste Geschenk bringe. Minerva schuf den Oelbaum und erhielt diese Provinz. Aber es fehlt auch nicht an anderen Sagen von der ersten Benutzung der Olive. Nach Diodor ist nicht Minerva, sondern Merkur der Erfinder des Oelbaumes; er habe ihn zuerst kultivirt, und das Oel aus den Früchten zu pressen gelehrt. Auch den Aristaeus, Sohn des Apollo und der Kyrene, pries das Alterthum als den ersten Benutzer der Oliven, als Beförderer des Landbaues u.s.w. Noch sagt man: Herkules habe zuerst den wilden Oelbaum aus dem Lande der Hyperboräer nach Griechenland gebracht, die Kampfspiele eingeführt und bei ihnen die Bekränzung des Siegers mit einem Oelzweig.
Da man in Deutschland den Oelbaum nur in Gewächshäusern sieht, so wird es nöthig, eine kurze Beschreibung von ihm mitzutheilen. Sein Stamm wird 20 — 30 Schuh hoch; er treibt fast seiner ganzen Länge hinauf Zweige und ist mit einer grauen Binde , so wie die Aeste mit steifen Blättern besetzt. Diese sind immergrün, der Gestalt nach den Weidenblättern ähnlich, aber kleiner, auf der obern Seite hellgrün, unten weissgrau. Die in Büscheln stehenden kleinen Blumen sind weiss. Die Früchte oder Oliven sind länglichrund, ungefähr von der Grösse des Gelenkes eines Fingers, anfangs grün, dann bleich, hernach purpurroth und endlich schwarz.
In hoher Achtung und Ansehen stand im Alterthum dieser Baum; wenn Jemand eine Oelpflanze raubte oder beschädigte, so drohte ihm das Gesetz mit den schwersten Strafen. Als die Lacedämonier zur Bekriegung der Athenienser auszogen und Alles umher mit Feuer und Schwert verheerten, so schonten sie doch die Oelbäume aus innerer Achtung und aus Furcht vor dem Zorne der Götter. Das Holz des Oelbaums auf gewöhnliche Weise gleich anderem Holze zu benutzen, würde ein Frevel gewesen seyn, ja es wurde selbst nicht auf den Altären der Götter verbrannt. Als die Athenienser den Epimenides aus Kreta beriefen, um dem Solon bei Abfassung der Gesetze des Staates beizustehen und um anderer] wichtiger Dienste willen, hot man ihm nach vollbrachter Arbeit grosse Geschenke und Ehrenbezeugungen an; aber er schlug alles aus und verlangte und erhielt nichts weiter, als einen Zweig des heiligen Oelbaums in dem Tempel der Pallas Athene.
Bei den Festen und Spielen zu Ehren der Athene war ein Oelkranz aus der Akademie des Siegers Preis. Bei dem fünftägigen Fest (Quinquatrus), das der Minerva am 19. März zu Born gefeiert wurde, flehten Gelehrte und Künstler um der Göttinn Schutz ; Dichter und Redner wetteiferten um den Preis des Olivenkranzes. Als die Soldaten des Xerxes bei dem Einfall in Griechenland von den olympischen Spielen und dem dabei zu gewinnenden Oelkranze Kunde erhielten, rief Artabanus bedeutungsvoll aus: Mit welch’ einem Volke haben wir es zu thun, das nicht um Geld, sondern um Ruhm kämpft!
Den Oelkranz nannten die Athenienser ihre vaterländische Krone ; sie wurde schon dem Achilles und dem Ajax als Siegern über ihre Feinde zu Theil. Themistocles und Euribiades erkämpften sie sich in ihren Feldzügen gegen den Xerxes. Auch jene Männer, die überhaupt dem Staate grosse Dienste geleistet hatten, erhielten diese ehrenvolle Auszeichnung. Bei den römischen Triumphzügen trug zwar nicht der Triumphirende selbst, wohl aber die Herolde und andere Diener, die den Zug begleiteten, die Olivenkrone.
Nike der Griechen, Victoria der Römer ist selbst mit dem Oelkranze geschmückt.
Mancherlei Gründe mochte das Alterthum gehabt haben, auch ausser der Minerva noch andere Gottheiten mit Oliven bekränzt darzustellen: wie den Jupiter, den Apoll, den Herkules, dem man aber offenbar aus den oben angeführten Gründen nur den wilden Oelbaum (Oleaster) beigab; auch seine Keule wurde aus dem Holze der wilden Olive geschnitzt.
Eine Grazie sieht man öfters Oliven tragend dargestellt, die dann wohl als ein Symbol des Herbstes gelten mag, und auch Palaestra, des Merkur Tochter, wird mit einem Oelzweige abgebildet.
Der Oelbaum hat mannichfaltige symbolische Bedeutung; er ist zuvorderst:
Ein Symbol des Friedens und des friedlichen Verkehrs; allegorisch wurde der Friede (Pax oder Irene) als ein Frauenzimmer dargestellt, in der rechten Hand einen Oelzweig, in dem linken Arme ein Füllhorn haltend, und mit einem Oelkranze auf dem Kopfe. Im Kriege einen Oelzweig zu senden, hiess nichts anderes, als um Frieden bitten. Bei der Belagerung von Sido begaben fünfhundert der vornehmsten Bürger, Oelzweige in der Hand tragend, sich in das Lager des Artaxerxes, um ihn um Schonung anzuflehen. Als die Karthager ihren Untergang unvermeidlich sahen, schickten sie auf den Rath des Hannibal zehn der Vornehmsten aus der Stadt an den Scipio, am Frieden und Schonung zu bitten; das Boot, das sie führte, wurde mit Oelzweigen ausgeschmückt. Während des Krieges der Römer mit Perseus, dem Könige von Macedonien, kamen Gesandte mit beschmutzten Kleidern, hängenden Haaren und Oelzweige tragend, um von der Grossmuth der Römer Schonung zu erflehen; vieler anderer Beispiele nicht zu gedenken.
Das Bild der Ruhe und des Friedens ist auf alten christlichen Grabsteinen durch eine Taube mit einem Olivenzweige in dem Schnabel ausgedrückt, als eine Deutung auf die Taube des Noa. Vielleicht stammt aber dieses Symbol auch aus dem griechischen Alterthum, indem Lykurg, der allen Pomp und Luxus von den Begräbnissfeierlichkeiten entfernt wissen wollte, den Leichnam des Verstorbenen auf Oelblätter legen liess, und damit sollen die Lacedämonier, so wie durch das Bekränzen der Todten mit Lorbeer, nichts anderes haben sagen wollen, als : der Sieg über die Beschwerden dieses Lebens sey nun errungen.
Die Barmherzigkeit (Misericordia) wurde als weiss gekleidetes Frauenzimmer, mit ausgestreckten offnen Armen stehend, armen Kindern Brod spendend, und mit einem Olivenkranze auf dem Haupte, dargestellt.
Die Gnade (Clementia) ist auf Münzen häufig dargestellt in weiblicher Gestalt, mit einem Diadem und Olivenzweig.
Die Billigkeit (Aequitas), eine allegorische Gottheit der Römer, auf Münzen u. s. w. vorkommend, hält bisweilen einen Oelzweig in der Hand ; sonst ist sie fast wie die Justitia gebildet.
Die Frömmigkeit (Pietas) wird als ein verschleiertes Frauenzimmer, mit einem Oelzweige oder einer Opferschale in der Hand, gebildet.
Die Glückseligkeit (Felicitas) wird als eine weibliche Figur dargestellt, auf einem Füllhorne ruhend und mit einem Oelzweige in der Hand.
Ein römischer Censor ist vorgestellt mit einem kleinen Gefäss voll Weihwasser in der einen Hand, und einem Oelzweig in der andern ; denn alle fünf Jahre nach geendigter Schatzung (Census) weihten die Censoren das Volk ein, wobei geopfert und das Volk mit Weihwasser, vermittelst eines Gelzweiges besprengt wurde, wobei man sich wundern muss , dass unsere Kameralisten und Finanzininister dieses viel versprechende Verfahren haben ausser Gebrauch kommen lassen.
Sonst waren bei dem Kultus der Alten Oelzweige überhaupt ein festliches Symbol; mit mancherlei Ceremonien wurden sie namentlich bei epidemischen Krankheiten herum getragen.
Wenn den Oelbaum als ein Symbol des Lichtes genommen wird, so deutet dies entweder auf die Göttin, der er angehört; denn Licht ist das Wesen der Minerva, oder es bezieht sich auf den Gebrauch des Glivenöls als brennenden Stoff zum Beleuchten, und nicht ohne tiefem Sinn sagte Demosthenes : er habe bei seinen nächtlichen Arbeiten mehr Licht und Oel, als Wein verzehrt.
In alten Zeiten, wo die Erinnyen noch als Göttinnen der damals angenommenen drei Jahrszeiten galten, opferte man ihnen im Frühjahre Blumen und dreimal neun Gelzweige, die aus den ersten Knospen sich entfalten, drei Mal wegen der heiligen Dreizahl der Schwestern und jedes Mal neun, weil das Jahr nur noch neun Monate zähle."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)