"Strychnos der Gciechen ist, wie Cornelius Celsus
sagt, Solanum der Römer. Auf diesen Ausspruch,
so wie auf die Beschreibung, die Dioscorides
von dem essbaren Strychnos gibt, gründet sich die
vielfach wiederholte Annahme, dass darunter der gewöhnliche
Nachtschatten [Solanum nigrum L.] verstanden
werden müsse, eine Pflanze , die ihrer narkotischen
Kräfte wegen seit langer Zeit eine Stelle unter den
giftigen Gewächsen fand , daher es auffallend ist, wenn
die Hippokratiker, Dioscorides, Galen, Oribasius und
Andere sie als eine essbare Pflanze und gewöhnliche
Speise angeben, ja Theophrast davon sagt, man könne
sie roh und gekocht essen. — Nur erst ganz neuerlich hat Sprengel dafür Physalis somnifera L. angegeben und dabei bemerkt, dass die Früchte dieser Pflanze angenehm schmeckten und auf Corsica besonders beliebt sejen. Dagegen wäre aber zu bemerken,
dass nicht die Früchte sondern die Blätter gegessen
wurden, deutlich sieht man dies aus den Gewächsen,
mit welchen Theophrast seinen essbaren Strychnos zusammenstellt
, ferner dass die Früchte nicht schwarz
sind wie Dioscorides sagt, und endlich haben mehrere
Schriftsteller auf die ausgezeichnet narkotischen Kräfte
der Pflanze aufmerksam gemacht, welche auch den
Grund zu ihrem systematischen Nahmen abgaben. —
Dürfte ich auch eine Vermuthung äußern, auf die ich
übrigens keinen Werth lege, so möchte vielleicht der
Strychnos der Alten auf Cucubalus bacciferus L. bezogen
werden dürfen. Meine Gründe dazu sind besonders
folgende: 1) Plinius nennt seinen Cucubalus,
welcher die eben genannte Pflanze ist, auch Strychnos,
2) die Beschreibung, die Dioscorides von seinem
Strychnos gibt, passt im Ganzen auf unsern Cucubalus,
3) derselbe ist ganz und gar unschädlich, auch nicht
übelschmeckend, es steht also gegen den Genuss derselben
von dieser Seite nichts im Wege; dagegen ist
nicht zu verschweigen , dass die Pflanze bei Sibthorp
fehlt.
Dem sey übrigens wie ihm wolle, so schreiben die
Hippokratiker ihrem Strychnos eine erkaltende Kraft
und die Eigenschaft zu , wollüstige Träume zu verhindern.
Innerlich bediente man sich des Saftes bei
Gehirnentzündung und bei Leberkrankheiten .
Aeußerlich brauchte man ihn zum Einspritzen in den
Uterus , wenn nach der Geburt Entzündung befürchtet
wurde und die Blätter zu Bähungen."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)