"[I.155. - Myrte] - Myrtus communis (Myrtaceae) - Myrte
Die gebaute Myrte, die schwarze, ist zum arzneilichen Gebrauche geeigneter als die weiße und bei der wieder die bergige, doch hat sie eine weniger kräftige Frucht. Ihre und der Frucht Kraft ist adstringirend. Frisch und trocken wird die Frucht als Speise denen gereicht, welche an Blutspeien und Blasenreiz leiden. Dasselbe wirkt aber der ans den frischen Myrtenbeeren gepresste Saft, welcher dem Magen wohltuend und harntreibend ist. Mit Wein nützt er auch denen, die von der giftigen Spinne gebissen und vom Skorpion gestochen sind. Die Abkochung der Früchte färbt das Haar. Mit Wein gekocht und als Umschlag angewandt heilt sie Geschwüre an den Extremitäten. Mit fein gesiebtem Graupenmehl als Umschlag lindert sie die Augenentzündungen und wird auch gegen Gaisauge aufgelegt. Auch der daraus (aus der Myrte) bereitete Wein, wobei die Frucht ausgepresst und (die Flüssigkeit) etwas eingekocht wird - denn der nicht auf diese Weise bereitete wird sauer - wirkt, vorher getrunken, gegen den Rausch, er wirkt gegen dasselbe wie die Frucht. Er eignet sich zu Sitzbädern bei Mutter- und Mastdarmvorfall, auch bei Gicht, er vertreibt Grind, Schorf und Ausschlag und hemmt das Ausfallen der Haare. Er wird auch Fetten zugemischt, geradeso wie auch das aus ihren (der Myrte) Blättern hergestellte Öl. Auch die Abkochung der Blätter ist gut zu Sitzbädern, sie wird auch bei erschlafften und zerbrochenen noch nicht verknorpelten Gliedern als Bähung benutzt. Weiter entfernt sie weiße Hautflecken, wird bei eiterflüssigen Ohren eingegossen und dient zum Schwarzfärben der Haare. Der aus ihnen bereitete Saft tut aber dasselbe. Die fein gestoßenen Blätter selbst mit Wasser sind als Umschlag ein gutes Mittel für nasse Geschwüre und alle von Flüssen befallenen Teile, auch für Magenkranke; mit unreifem Olivenöl oder etwas Rosenöl und Wein gemischt (helfen sie) gar bei Bläschen- und roseartigen Geschwüren, ferner bei Entzündung der Hoden, Epinyktis und Condylomen. Trocken aber fein gestoßen werden sie bei Nebennägeln und über- gewachsenen Nägeln, bei sehr feuchten Achseln und Schenkeln mit Erfolg aufgestreut, halten auch den Schweiß Herzleidender zurück. Ferner heilen sie gebrannt oder ungebrannt mit Wachssalbe Verbrennungen durch Feuer, Ptorygium und Paronychie. Der Saft wird aus den Blättern gewonnen, indem alter Wein oder Regenwasser darüber gegossen und dann ausgepresst wird. Von ihm wird aber Gebrauch gemacht, wenn er frisch ist, denn der eingetrocknete schimmelt und wird kraftlos."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.48. - Myrtenöl] - Myrte
Das Myrtenöl wird nun so dargestellt. Nimm die zarten Blätter der schwarzen oder der wilden oder der zahmen Myrte, stoße und presse sie; dem Safte setze ebenso viel Öl von unreifen Oliven zu, erhitze aber Kohlen bis zum Kochen, indem du dann das Obenaufstehende abnimmst. Leichter ist aber die Darstellung, die zarten zerstoßenen Blätter mit Wasser und Öl zu kochen und das Obenaufstehende abzuheben. Eigenartig aber ist die Methode, die in die Sonne gelegten Blätter mit Öl zu behandeln. Einige verdichten das Öl vorher durch Granatapfelschalen, Cypresse, Cyperngras und Strandbinse. Wirksamer ist aber das von bitterem Geschmack, das ölige, hellgrüne, durchscheinende, nach Myrte rieeliende. Es hat adstringirende harnmachende Kraft; daher seine Wirkung, wenn es den Mitteln zum Vernarben beigemischt wird, ebenso gegen Verbrennungen mit Feuer, gegen bösen Grind, Schorf, Hautausschlag, Wolf, Risse, Condylome, Erschlaffung der Gelenke. Es stellt den Schweiß und findet überall da Anwendung, wo es sich um Zusammenziehen und Verdichten handelt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[V.36. - Myrtenbeerenwein]
Der Myrtenbeerenwein wird auf diese Weise hergestellt: Man muss schwarze, recht reife Myrtenbeeren nehmen, sie stossen, den Saft in der Presse abpressen und umgiessen. Einige kochen ihn auf den dritten Theil ein; Andere setzen (die Beeren) vorher an die Sonne und, wenn sie trocken sind, zerstossen sie dieselben und mischen zu je 1 Choinix 3 Kotylen Wasser und ebensoviel alten Wein. Sodann pressen sie ab und setzen ihn weg. Er ist sehr adstringirend und gut für den Magen, nützlich bei Magen- und Bauchfluss, ebenso gegen (innere) Gescchwüre und Fluss der Frauen. Er färbt aber auch das Kopfhaar schwarz."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[V.37. - Myrtenwein]
Der Myrtenwein wird so bereitet. Man muss die Zweigspitzen und die Blätter sammt den Beeren der schwarzen Myrte stossen und 1 Mine davon in 3 Chus Most geben, bis auf 2 Chus oder bis auf die Hälfte einkochen, dann durchseihen und bei Seite stellen. Dieser Wein ist ein Mittel gegen Grind und Schorf, Ausschlag, Zahnfleisch- und Mandelanschwellung und gegen eiterflüssige Ohren. Er hält auch den Seliweiss zurück."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.156. - Myrtidanon]
Das sogen. Myrtidanon ist ein ungleichartiger, wolliger und einfarbiger Auswuchs am Stamme der Myrte, wie wenn Hände ihn umfassen. Es adstringirt stärker als die Myrte; gestoßen und mit herbem Wein gemischt wird es zu Zeltchen geformt, im Schatten getrocknet und aufbewahrt. Es ist wirksamer als die Frucht und das Blatt, wenn es zu Wachssalbe und Zäpfchen, Sitzbädern und Kataplasmen zugemischt wird, welche adstringiren sollen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)