"[I.18. - Balsam] - Balsamodendron gileadense oder Amyris gileadensis (Terebinthinaceae) - Echter Balsamstrauch
Der Baum erscheint von der Grösse des Lykions oder Feuerdorns und hat
Blätter denen der Raute ähnlich, aber viel heller und mehr immtergrüner
wächst nur in Indien in einem bestimmten Thale und in Aegypten.
Sie (die Bäume) unterscheiden sich von einander durch Rauheit,
Grösse und Schlankheit. Darum wird das Dünne und Haarförmige des
Strauches der Schnitt genannt, jedenfalls weil es, da es schlank ist, leicht
zu schneiden ist. Das sogen. Opobalsamon wird gewonnen in der Zeit
der Hundstagshitze, indem der Baum mit eisernen Werkzeugen angeschnitten wird. Es fliesst jedoch spärlich, so dass zu jeder Zeit nicht
mehr als sechs bis sieben Chus gesammelt werden; es wird aber in
dortiger Gegend um das Doppelte Silber verkauft. Gut ist aber der
Saft, wenn er frisch ist, einen kräftigen Geruch hat und unverfälscht ist,
säuerlich schmeckt, leicht fliesst, blank und zusammenziehend ist und auf
der Zunge mässig beisst. Er wird aber auf mancherlei Weise verfälscht.
Die Einen Mischen nämlich Salböle darunter, wie Terpentin, Cyperngras-,
Mastix-, Lilien-, Behenöl, Bittermandelöl, Honig, sehr flüssige Myrten- oder
Cyperngrassalbe. Ein solcher wird aber leicht durch die Prüfung erkannt.
Wird nämlich der reine Balsam auf Wollzeug getröpfelt, so hinterlässt
er nach dem Auswaschen weder einen Fleck noch Schmutz, der verfälschte
aber bleibt. Ferner auf Milch getröpfelt macht er diese gerinnen, was
der gefälschte nicht thut. Wird weiter der Echte auf Milch oder Wasser
getröpfelt, so zerfliesst er rasch und milchig, der verfälschte dagegen
schwimmt darauf wie Oel, in sich zusammengeballt, dann sternförmig sich
ausbreitend. Mit der Zeit jedoch verdickt sich auch der Echte, er wird
voll selbst schlechter. Diejenigen irren aber, welche glauben, dass derselbe, wenn er echt ist, auf das Wasser getröpfelt zunächst zu Boden
sinke, dann als leicht zerfliesslich aufwärts dringe.
Daz Holz, welches Xylobalsamon genannt wird, ist geschätzt, wenn
es frisch ist, dünne Zweige hat und röthlich und wohlriechend ist, und
kurze Weile nach Opobalsamon duftet. Von der Frucht, denn auch diese
steht im nothwendigen Gebrauelie, wähle die gelbe, volle, grosse, schwere,
mit beissendem und brennendem Geschmack, die mässig nach Opobalsamon
riecht. Von Petra aber, wo die Frucht verälscht wird, kommt ein Same,
dem Johanniskraut ähnlich, diesen wirst du daran erkennen, dass er
grösser, leer und kraftlos ist und nach Pfeffer schmeckt.
Der Saft hat sehr stark wirkende Kraft, da er in hohem Grade erwärmend ist, die Verdunkelungen auf der Pupille vertreibt und die Erkältungen der Gebärmuttergegend heilt, wenn er mit Rosenwachssalbe eingelegt wird. Er befördert die Menstruation, treibt die Nachgeburt und
den Fötus aus und läst eingesalbt die Erstarrung. Auch reinigt er die
Wunden von Schmutz. Getrunken ferner ist er die Verdauung befördernd
und harntreibend, den Engbrüstigen zuträglich, mit Milch auch denen,
die Akonit genossen haben und den von wilden Thieren Gebissenen. Er
wird auch den Salben, Pflastern und Gegengiften zugemischt. Und im
Allgemeinen hat die kräftigste Wirkung der Balsamsaft, die nächste die
Frucht, die schwächste das Holz. Die Frucht, getrunken, ist für die ein
gutes Mittel, welche an Seitenstechen, Lungenentzündung, Husten, Lendengicht, Fallsucht, Schwindel, Athemnoth, Leibschneiden, Harnverhaltung
leiden, die voll giftigen Thieren gebissen sind; ferner eignet er sich zu
Räucherungen für Frauen, und in der Abkochung zum Sitzbade eröffnet er den Muttermund indem er die Feuchtigkeit in sich zieht. Das
Holz hat dieselbe Kraft wie die Frucht, nur scwächer. Es hilft in der
Abkochung mit Wasser, getrunken, gegen Verdauungsschwäche, Krämpfe,
den von giftigen Thieren Gebissenen, von Krämpfen Befallenen, auch
treibt es den Harn und ist mit Irissalbe eingerieben bei Kopfwunden
heilsam; dann aber auch zieht es (Knochen-)Splitter aus und wird endlich den Verdichtungsmitteln der Salben zugesetzt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.77. - Myrrhe] - Balsamea myrrha (Burseraceae) - Myrrhe
Die Myrrhe ist die Thräne eines in Arabien wachsenden, der ägyptischen
Akazieähnlichen Baumes, aus dem nach der Verwundung die Thränen
theils auf untergebreitete Matten fliessen, theils aber am Stamm erhärten.
Eine Art davon wird die fette der Ebene genannt, von der durch Auspressen
die Stakte gewonnen wird, eine andere die Gabirea, sehr fette, welche auf
fruchtbarem fettem Boden wächst, und auch viel Stakte liefert. Alle übertrifft
die troglodytische, so genannt von dem Lande, wo sie wächst; sie ist
grünlichgelb, beissend und durchsichtig. Eine gewisse feine Art wird
auch gesammelt, welche gleich auf die troglodytische folgt, etwas weich wie
das Bdellium, von üblem Geruch ist und in sonnigen Gegenden wächst.
Eine weitere Art wird Kaukalis genannt, sie ist veraltet, dunkel, mager.
Die geringste von allen heisst Ergasime, sie ist mürbe und mager,
scharf und gummiartig, sowohl dem Aussehen, wie der Kraft nach. Auch
die Aminaia genannte wird nicht geschätzt. Es werden aus ihnen Pressauszüge gemacht, nämlich aus den fetten wohlriechende und fette, aus
den trockenen aber dürre und geruchlose, sie sind kraftlos wegen des zu
ihrer Herstellung hinzugenommenen Oels. Sie (die Myrrhe) wird verfälscht
durch Zumischen von Gummi, welches mit einem Aufguss von Myrrhe
benetzt ist. Wähle die frische, zerreibliche, leichte, allerseits gleichfarbige
die auf dem Bruche innen weisse, onyxartige, glatte Streifen zeigt, aus
kleinen Stlicken besteht, bitter, wohlriechend, scharf und erwärmend ist:
die schwere und pechfarbige ist unbrauchbar. Sie hat erwärmende [die
Flüsse zurückhaltende, betäubende, verklebende, austrocknende, adstringirende Kraft; sie erweicht und öffnet die verschlossene Gebärmutter,
befördert rasch die Menstruation und den Fötus, wenn sie mit Wermuth und einer Lupinienabkochng oder Rautensaft in Zäpfchen eingeführt wird. Sie wird auch als Pille von Bohnengrösse genommen
gegen chronischen Husten, Orthopnöe gegen Seiten- und Brustschmerzen,
gegen starken Durchfall und Dysenterie und Nierenleiden, wie das
Bdellium. Sie stellt die Frostschauer, besonders die viertägigen, wenn
sie zwei Stunden vor dein Eintritt mit Pfeffer und Wasser bohnengross genommen wird. Die Rauheit der Luftröhre und die Heiserkeit der Stimme benimmt sie, wenn sie verflüssigt und unter die Zunge
gelegt wird. Sie tödtet ferner die Würmer und wird gegen üblen Geruch des Mundes gekaut. Gegen Erschlaffung der Achseln wird sie mit
trockenem Alaun eingesalbt; mit Wein und Oel als Spülung macht sie
die Zähne und das Zahnfleisch fest. Aufgestreut verklebt sie auch die
Kopfwunden, heilt mit Schneckenfleisch eingestrichen zerschlagene Ohren
und blossgelegte Knochen, mit Meconion, Bibergeil und Glaukion eiterflüssige und entzündete Ohren. Gegen Finnen wird sie mit Kassia und
Honig eingesalbt, Flechten vertreibt sie mit Essig, ausfallende Haare befestigt sie eingestrichen mit Ladanum, Wein und Myrtenöl, chronischen
Katarrh lindert sie als Salbe in die Nasenflügel eingestrichen, Geschwüre
in den Augen füllt sie aus, vertreibt die weissen Flecken und die Verdunkelungen der Pupille und glättet die Rauheiten. Es wird aus ihr auch wie
aus dem Weihrauch ein Russ gemacht, wie wir zeigen werden, welcher
dieselben Wirkungen hat."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.73. - Stakte]
Stakte heißt das Fette der frischen Myrrhe, wenn sie mit wenig Wasser angehoben und in der Presse ausgepresst wird. Sie ist sehr wohlriechend und kostbar und wird an und für sich ein Salböl genannt. Am besten ist sie, wenn sie nicht mit Öl gemischt ist und in der geringsten Menge die größte Kraft besitzt, wenn sie erwärmt und der Myrrhe und den erwärmenden Salben entsprechend wirkt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.80. - Bdellion] - Commophora africana (Burseraceae) - Bdellium
Das Bdellion - Einige nennen es Madelkon, Andere Bolchon - ist die Träne eines arabischen Baumes; gut davon ist dasjenige, welches bitteren Geschmack hat, durchscheinend, dem Stierleim ähnlich, tief nach innen fett ist, leicht weich wird, frei von Holz und Unbeinigkeiten, in der Räucherung onyxähnlich wohlriechend ist. Es gibt aber auch ein zweites, unreines und schwarzes, in festen Klumpen, getrockneter Feigenmasse ähnlich, welches aus Indien gebracht wird. Von Petra kommt auch ein trockenes, harzähnliches, etwas schwärzliches, das an Kraft geringer ist. Verfälscht wird es durch Zumischung von Gummi; aber ein solches hat nicht annähernd den bitteren Geschmack und ist beim Anzünden nicht so wohlriechend. Es hat erwärmende, erweichende Kraft, kann mit nüchternem Speichel angerührt Verhärtungen, Kropfbildungen und Wasserhodenbrüche verteilen, in Zäpfchen und als Räucherung öffnet es auch die Gebärmutter; es zieht den Fötus und alle Feuchtigkeit heraus. Getrunken zertrümmert es den Stein, treibt den Urin und wird mit Nutzen den an Husten Leidenden und von giftigen Tieren Gebissenen gereicht. Gut ist es ferner gegen (innere) Zerreißungen, Krämpfe, Brustschmerzen und verschlagene Winde. Es wird weiter den Salben zugemischt, welche gegen Verhärtungen und Knoten der Sehnen dienen. Gestoßen wird es angewandt, indem Wein oder warmes Wasser dazu gegossen wird."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[Wein aus Myrrhe, Pfeffer und Schwertlilie]
Es wird auch ein gewürzter Wein gemacht gegen Katarrh, Husten, Unverdaulichkeit, Blähungen und Magenfäule. Nimm 2 Drachmen Myrrhe, 1 Drachme weissen Pfeffer, 6 Drachmen Schwertlilie, 2 Drachmen Anis, zerstosse dieses grob, binde es in Leinen und gib es zu 6 Xeates Wein. Nach drei Tagen seihe den Wein durch und fülle ihn auf Flaschen zum Aufbewahren. Lass ihn nach dem Spaziergange trinken und reiche ihn unvermischt zu 1 Becher."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)