"Er mag hier gleich eine kleine Stelle neben der Blume der Göttin des Orkus erhalten, denn er ist es , durch dessen Hülfe die Pforten der Unterwelt sich öffnen ; er wächst auf düstern Bäumen und hat biegsame gelbliche Zweige mit ähnlich gefärbten Blättern, wie Virgil ausführlich erzählt , indem er den Aeneas durch die Sybilla in die Unterwelt führen lässt. Es ist ohne Zweifel die Mistel (Viscum album L.), die auch bei uns als Schmarotzergewächs auf mancherlei Bäumen gefunden wird.
Aeneas begab sich in den Wald, wo er diesen wundervollen Zweig finden sollte.
Aber an dem düstern Orte, verzweifelnd, das Gewünschte zu finden, wendet sich der fromme Aeneas an die Götter, und siehe da, seine Mutter, die liebreiche Venus, sendet ihre Tauben, welche die magischen Ruthen dem Sohne des Anchises zu Füssen legen.
An der ernsten Pforte angelangt, wird ihm der Eingang verweigert, aber der vorgezeigte Zweig besiegt alle Hindernisse.
Bei dem Ausgange aus dem Tartarus besprengte sich Aeneas mit frischem Wasser , und befestigte den Zweig an die Schwelle.
An die Wunderkraft der Mistel, wozu auch die Druiden das Ihrige beigetragen haben mögen, glaubte man lange noch in Deutschland , und selbst bis auf den heutigen Tag ist dieser Glaube nicht ganz erloschen. Stücke der Mistel trug man als Amulet bei sich , und hing sie besonders den Kindern an, um sie vor Hexen und andern Teufelskünsten zu bewahren; man machte Rosenkränze aus Mistelholz und fasste dergleichen Mistelkügelchen in Silber ein, um sie so bei sich zu tragen."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)