"Melissenblätter: Verwendet werden die getrockneten Laubblätter von Melissa officinalis. Die Handelsware stammt aus Kulturen.
Melissa officinalis variiert sehr stark in Wuchs, Größe und Behaarung, auch durch den Geruch des ätherischen Öls und damit in der chemischen Zusammensetzung. Sodann bestehen große quantitative Unterschiede im Gehalt an ätherischem Öl: Melissenformen, die im spanischen Ebro-Delta und in Israel gezüchtet werden, zeichnen sich durch ausnehmend hohe Gehalte aus.
Besonders deutlich beim Zerreiben riecht das Melissenblatt frisch zitronenartig (daher der Name Zitronenmelisse) mit blumiger Nachnote. Bei längerer Lagerung der Droge kann der Geruch verschwinden, besonders bei Herkünften, die von vornherein arm an ätherischem Öl sind. Die Droge schmeckt würzig und leicht bitter.
Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl (0,02-0,2%; unter besonderen Klimabedingungen weisen bestimmte Formen Gehalte über 0,8% auf), Triterpensäuren, Phenolcarbonsäuren, Rosmarinsäure (etwa 4%) und Mineralstoffe (10-12%). Für Melissenextrakte ist das Vorkommen von Rosmarinsäure charakteristisch. Zur Unterscheidung von echtem Melissenöl und "Melissenölen" anderer Herkunft kann der Nachweis von Caryophyllenoxid herangezogen werden, das zu 3-7% im Melissenöl vorkommt.
Melissenblätter werden zu Sprühtrockenextrakten für sofortlösliche Tees verarbeitet, weiters zu Trockenextrakten 70:1 mit angereicherter Phenolcarbonsäurefraktion für Salben, zur Herstellung von Destillaten, meist mit weiteren Drogen, die ätherisches Öl führen ("Melissengeist"). Ein bekanntes Markenpräparat wird hergestellt aus einer Mischung von Melissenblättern, Orangenschalen, Ingwerwurzel, Nelken, Zimtrinde, u.a.m.; die Kräutermischung wird in Ethanol angesetzt und destilliert. Hinweis: Der Melissen- oder Karmelitergeist der Arzneibücher ist kein Destillat, sondern eine Lösung von ätherischen Ölen in Ethanol-Wasser, wobei anstelle des echten Melissenöls das Zitronell- oder Lemongrasöl (von Cymbopogon-Arten) verwendet wird.
Die Polyphenolfraktion (Rosmarinsäure, Chlorogen- und Kaffeesäure) der Blätter zeigt antivirale Eigenschaften. Polyphenole vom Typus der Chlorogen- und Kaffeesäure wirken in Mengen von 250 mg beim Menschen steigernd auf die Sekretion von HCl im Magensaft. Phenolcarbonsäuren wirken choleretisch. Das ätherische Öl der Melisse hat antibakterielle und lokal-virostatische Eigenschaften. Es wirkt leicht spasmolytisch und dämpfend auf das Zentralnervensystem.
Melissentee (Aufguss aus etwa 1,5 g Droge auf 1 Tasse) verwendet man als Karminativum bei nervösen Magen- und Darmstörungen. Melisse ist ferner Bestandteil beruhigender Tees, sog. Species nervinae; Konzentration und Wirkungsstärke allenfalls in der Droge vorhanderner spamolytisch und sedativ wirkender Terpene sind im Tee viel zu gering, als dass mit einem somatischen Effekt zu rechnen ist. Extrakte in eine hypophile Salbengrundlage verarbeitet, verwendet man lokal zur Behandlung von Herpes labialis. Melissengeist (Karmelitergeist) ist ein vielfältig brauchbares Hausmittel: innerlich bei nervösen Magen- und Darmbeschwerden, äußerlich als Einreibung bei Nervenschmerzen, Muskelkater und Hexenschuss.
Bei Anwendung von alkoholfrien Melissenzubereitungen sind Nebenwirkungen nicht zu befürchten."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)