"Meerzwiebel: Stammpflanze der Meerzwiebel - pharmazeutisch Bulbus Scillae oder Scillae Bulbus - ist Urginea maritima. Die Pflanze ist in den Mittelmeerländern beheimatet. Ihre Zwiebel ragt teilweise aus dem Boden und besteht aus zahlreichen (etwa 40) fleischig-schleimigen, weißen Schuppen, die außen von braunen, trockenhäutigen Schuppen umgeben sind. Die Droge besteht lediglich aus den mittleren Zwiebelschuppen der weißzwiebeligen Rasse, die zur Beschleunigung des Trocknungsvorgangs in Streifen geschnitten werden. Man unterschiedet zwei Vrietäten: die weiße und die rote Meerzwiebel. Der Farbunterschied beruht auf Anthocyanen der roten Meerzwiebel. Hauptverbreitungsgebiet der weißen Varietät ist das östliche Mittelmeergebiet, das der roten das westliche.
Die Droge ist fast geruchlos; sie schmeckt schleimig und unangenehm bitter. Inhaltsstoffe sind herzwirksame Glykoside, reichlich Schleimstoff und andere Polysaccharide, fettes Öl, Flavonoide und organische Säuren.
Die Droge dient zur Herstellung von galenischen Zubereitungen (Tinktur, Fluidextrakt, Trockenextrakt), die ihrerseits Arzneistoffe für Fertigarzneimittel in Tropfen- oder Drageeform darstellen. Sie ist Ausgangsmaterial zur Extraktion und Reindarstellung von Proscillaridin.
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)

"Proscillaridin: Proscillaridin bildet sich aus Glucoscillaren und aus Scillaren A durch ein in der Meerzwiebel vorkommendes Enzym, die Scillarenase. Technisch gewinnt man die Substanz aus feingeschnittenen Meerzwiebeln erst nach vorhergehender Fermentation (wässrige Suspension 2 Stunden bei 40°C sich selbst überlassen) durch Extraktion mit Ethylacetat. Die Droge liegt als farblose Kristalle von bitterem Geschmack vor, die in Ethanol etwas löslich sind.
Proscillaridin besitzt grundsätzlich die gleichen Herzwirkungen sie die Digitalis- und Strophanthusglykoside. Die Resorptionsquote (30-35%) ist bedeutend höher als die der Strophanthine. Als Vorzug gegenüber Digitoxin und Digoxin gilt die "gute Steuerbarkeit". Toxische Erscheinungen bei Überdosierung verschwinden bereits nach einem Tag. Nachteilig dürfte sein, dass Diarrhöen etwas häufiger aufzutreten pflegen.
Anwendung: Vorzugsweise in Drageeform zur Behandlung der chronischen Herzmuskelinsuffizienz. Proscillaridin ist ferner Ausgangsmaterial zur Überführung in das halbsynthetische Meproscillarin.
Unerwünschte Wirkungen: Magenreizend, u.U. Brechreiz hervorrufend, daher Anwendung niedriger Dosen."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)