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"[II.202. - Meerzwiebel] - Scilla maritima (Liliaceae) - Meerzwiebel
Die Meerzwiebel hat scharfe und brennende Kraft, geröstet aber findet sie vielfache Verwendung. Sie wird mit Weizenteig oder Lehm umhüllt und in den Backofen gegeben oder auf Kohlen (geworfen), bis der breitgeschlagene Teig völlig gebacken ist; wenn sie nach dessen Wegnahme nicht weich geworden ist, schlagen wir anderen Teig oder Lehm herum und tun dasselbe; denn wenn sie nicht auf diese Weise gebraten ist, so ist sie zum Gebrauche schädlich, besonders wenn sie innerlich angewandt wird. Sie wird aber auch in einem bedeckten und in den Ofen gestellten Topfe geröstet. Es wird aber von ihr das Mittelste genommen, nachdem die äußeren Schuppen entfernt sind. Sie wird auch eingeschnitten und gekocht, indem das erste Wasser weggegossen und anderes zugeschüttet wird, bis das Wasser nicht mehr bitter oder scharf wird. Dann wird sie zerschnitten und auf Leinen verteilt, so dass die Stücke einander nicht berühren, und im Schatten getrocknet. Die Schnitte gebraucht man zu Meerzwiebelwein, -öl und -Essig. Bei Rissen an den Füssen wird das Innere der rohen Zwiebel mit Öl gekocht oder mit Harz geschmolzen und aufgelegt, bei Vipernbissen mit Essig gekocht als Kataplasma gebraucht. Mit 1 Teil gedörrter Meerzwiebel reiben wir fein zusammen 8 Teile gedörrtes Salz und geben davon 1 oder 2 Esslöffel voll nüchtern zum Erweichen des Bauches. (Sie dient) zu Tränken und aromatischen Mitteln, auch für die, bei denen wir Harnen bewirken wollen, ferner für Wassersüchtige und Magenleidende, bei denen die Speisen unverdaut im Magen liegen, bei Gelbsucht, Krämpfen, chronischem Husten, bei Asthmatikern und denen, die (Blut) auswerfen. Ausreichend ist das Gewicht von 3 Obolen mit Honig als Leckmittel. Sie wird auch mit Honig zusammengekocht und gegen dieselben Gebrechen genossen, besonders zur Beförderung der Verdauung. Sie führt die schlüpfrigen Massen durch den Stuhlgang ab. Gekocht bewirkt sie dasselbe, wenn sie in ähnlicher Weise genommen wird. Man muss sich aber mit ihrer Darreichung bei solchen in Acht nehmen, die an innerlichen Geschwüren leiden. Gedörrt hilft sie auch als Salbe bei dünngestielten Warzen und bei Frostbeulen. Ihr fein gestoßener Same, in einer getrockneten Feige oder in Honig aufgenommen und gegessen, erweicht den Bauch. Im ganzen Zustande vor den Türen aufgehängt ist sie ein Universalabwehrmittel."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.25. - Meerzwiebelessig]
Der Meerzwiebelessig wird auf folgende Art gemacht: Reinige die weisse Meerzwiebel, schneide sie in Stücke und vertheile sie so auf ein Lein- tuch, dass sie einander nicht berühren, trockne sie vierzig Tage im Schatten, dann nimm 1 Mine davon und gib sie in 12 Xestes guten Essigs und lass vierzig Tage in der Sonne maceriren, nachdem du das Gefäss sorgfältig bedeckt hast. Danach nimm die Meerzwiebel heraus, presse sie aus und wirf sie weg. Den Essig aber seihe durch, fülle ihn ab und hebe ihn auf. Einige geben 1 Mine zu 5 Xestes Essig. Andere reinigen die Meerzwiebel und geben sie sofort, ohne zu trocknen, zu dem gleichen Gewicht (Essig) und lassen sechs Monate stehen; ein solcher wird aber schneidender. Er eignet sich zu Mundspülwasser bei schwammigem Zahnfleisch, indem er dasselbe zusammenzieht und fest macht, und die Zähne befestigt, auch Mundfäule und schlechten Geruch des Mundes beseitigt. Als Schlürftrank macht er den Schlund hart und schwielig und bewirkt eine kräftige und helle Stimme. Ferner wird er bei Magenleiden, schlechter Verdauung, Epilepsie, Schwindel, Melancholie und Verdummung genommen, ebenso bei Gebärmutterkrämpfen, Vergrösserung der Milz und bei Ischias. Er erquickt die sehr Schwachen, macht den Körper gesund und bewirkt eine schöne Hautfarbe. Weiter schärft er das Sehvermögen, hilft bei Schwerhörigkeit, wenn er eingetröpfelt wird, ist überhaupt gegen Alles heilsam, ausser gegen innere Geschwüre [welche Kopfschmerzen und Nervenleiden verursachen]. Lass ihn täglich nüchtern schlürfen, im Anfang aber wenig, allmählich steigend bis zu 1 Becher. Einige geben 2 Becher oder gar mehr."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[V.25. - Meerzwiebelwein]
Der Meerzwiebelwein wird so bereitet: Zerschneide, wie angegeben, die Meerzwiebel, trockne sie in der Sonne, zerstosse dann 1 Mine davon und schlage sie durch ein loses Sieb, binde (das Pulver) in grobes Leinen und lege es in 20 Xestes guten, frischen Mostes. Lass drei Monate maceriren und giesse dann den Wein in ein anderes Gefäss, verschliesse es rings herum gut und setze es weg. Man kann auch die Meerzwiebel frisch gebrauchen, wenn man sie nach Art der Rübe zerschneidet und das Gewicht verdoppelt. Man muss (das Gemisch) vierzig Tage in der Sonne stehen und (den Wein) recht alt werden lassen. Der vorgenannte Wein wird aber auch noch auf folgende Art dargestellt: Nimm 3 Minen gereinigte und zerschnittene Meerzwiebeln, lege sie in 1 italischen Aletretes schönen Mostes und lass ihn gut bedeckt sechs Monate stehen; dann seihe ihn durch, giesse ihn um und setze ihn weg. Er hat gute Wirkung bei Unverdaulichkeit, gegen Verderbniss der Speisen und Wiedererbrechen derselben, ist für die heilsam, denen dicker Schleim den Magen und Bauch belästigt, ferner für Milzsüchtige, Schwindsüchtige, Wasser- süchtige, Gelbsüchtige, für solche, die an Harnverhaltung, Leibschneiden, Blähungen, Paralyse, chronischen Fieberschauern, Schwindel und Krämpfen leiden. Auch befördert er die Menstruation; er greift am wenigsten die Nerven an. Am besten ist der ältere; Man muss seine Anwendung aber bei Fiebernden und solchen, die ein inneres Geschwür haben, vermeiden."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)