"Nur in heissen Gegenden, zumal in Brasilien und
den angränzenden Provinzen, so wie im südlichen Asien,
wachsen zahlreiche Arten von Laurineen, die sich grossentheils
durch ihren Reichthum an ätherischem Oel und
gewürzhaften Geschmack auszeichnen, wobei man nur
an die zahlreichen Zimmtsorten, an Kampfer und ähnliche
Droguen denken darf. In der nördlichen Halbkugel
der Erde, zumal in dem gemässigten Theile derselben,
sind diese kostbaren Gewächse weit seltener, und Europa
besitzt nur eine einzige Laurinee als Repräsentant dieser
ausgezeichneten Pflanzengruppe, nämlich:
Den Lorbeer des Apollo Laurus nobilis L.; der heutige
Grieche nennt diesen Laurus noch immer Daphne, wie
seine Vorfahren in den ältesten Zeiten.
Verschieden und vieldeutig sind die Mythen, welche
den strahlenden Sonnengott mit dem Lorbeerbäume verbinden.
In dem Samen des Lorbeers, glaubte man, liege
ein zündender Stoff, ein verborgenes Feuer; reibe man
Lorbeer mit Epheu, so entwickelten sich Funken, wie
Stahl auf dem Kiesel.
Daphne, des Flussgottes Peneus schöne Tochter, von
Apollo mit seiner Liebe verfolgt, flehte um Verwandlung
in einen Baum; die Gottheit erhörte ihre Bitte, sie sprosste
zum Lorbeer, mit dem Apollo dann seine Schläfe bekränzte.
Der erste Tempel desselben zu Delphi bestand, wie
uns Pausanias sagt, lediglich aus in die Erde gesteckten
Lorbeerzweigen; die Statuen desselben zeigen ihn gewöhnlich
mit lorbeerbekränzten Haaren oder auch mit einem
Lorbeerstabe in der Hand. Auf Münzen der Stadt Thessalonich setzt Apoll sich selbst einen Lorbeerkranz auf,
als Sieger in dem Wettstreite mit dem Marsyas.
Alle neun Jahre feierten die Thebaner dem ismenischen
Apoll Feste (Daphnephorien), die nichts anderes waren,
als Sonnenfeste. Sie haben von dem Lorbeer ihren
Namen, der, mit Olivenzweigen und Blumen umgeben,
von dem schönsten Knaben der Stadt (Daphnephoros) aus
einem der alten edlen Häuser in dem feierlichsten Aufzuge
getragen ward. Durch an dem Lorbeerstabe angebrachte
Kugeln und Kränze deutete man die Sonne, den
Mond, die Planeten und selbst die Tage des Sonnenjahres
an.
Zu vielfältigen Symbolen wurde der Laurus benutzt,
und kaum irgend eine andere Pflanze dürfte in dieser
Hinsicht ihm an die Seite gesetzt werden können. Vor
allen war der Lorbeer ein Zeichen des Triumphes und
Sieges.
Nach erfochtenem grossem Siege lohnte Rom seinem
Feldherrn mit der — Lorbeerkrone, die ihm im grössten
Pompe dargebracht wurde. Bei Siegesnachrichten umwand
man die Briefe mit Lorbeerzweigen (litterae laureatae),
die Boten trugen einen Lorbeerstab; auch die Schiffe
wurden bei solchen Gelegenheiten auf gleiche Weise ausgeschmiickt.
Kam die Nachricht von einem grossen erfochtenen
Siege nach Rom, so legte man einen Lorbeerzweig
in den Schoos des Jupiter optimus maximus. Plutarch berichtet, dass Scipio, als er nach seinem Siege über
die Carthager triumphirend einzog, in der einen Hand
einen Scepter, in der andern einen Lorbeerzweig hielt.
Personificirt stellte man den Sieg (Victoria) öfters als
eine weibliche Figur mit einem Lorbeerzweige dar.
Dionysos kommt auch bisweilen mit Laurus bekränzt
vor, zum Zeichen der in Indien erhaltenen Siege. Dieser
Kranz hiess die Corona magna.
Zeus selbst trägt öfters einen Lorbeerkranz.
Aber auch als ein Zeichen der Ruhe und des Friedens
galt bisweilen der Laurus, und Pax personificirt wird
auch mit dem Lorbeer bekränzt dargestellt; eben so Clementia
oder die Gnade, wie sie zumal auf Münzen vorkommt,
und nicht minder das Mitleiden (Misericordia).
Ganz besonders aber galt der Lorbeer als ein Symbol der
Ehre: und Honor, als Person dargestellt, trägt meistens
einen Lorbeerkranz, eben so der Ruhm (Gloria). Besonders
geizten die Dichter nach dem Besitze des Lorbeerkranzes
, denn Apoll ist der Vorsteher und Führer der
Musen; besonders kommt Melpomene mit einem Lorbeerblatte
in der Hand abgebildet vor, und auf ähnliche Weise Calliope und Klio.
Lächerlich aber war der Stolz des Philosophen Empedocles
, der in Purpurgewändern , mit goldgestickter
Hauptbinde, kupfernen Schuhen und mit einem Lorbeerzweige
in der Hand einherging.
Nicht minder galt der Laurus als ein Sinnbild der
unbefleckten Jugend und der Wahrheit ; Daphne ist das
keusche fliehende Mädchen, und keine Pflanze diente so
oft, wie der Lorbeer, zum Lustriren und Wahrsagen. Hatte
man schlafend den Kopf mit Lorbeer bekränzt, so senden
die Götter, wie Antiphones sagt, nur in Erfüllung gehende
Träume. Die Wahrheits-Nymphe und Korythaiea (Daphne)
war die Amme des Apoll, und
der Wahrsager dieses Gottes bereitete sich
durch Kauen der Lorbeerblätter zu seinem Dienste zu.
Vielfach war der Gebrauch des Laurus bei den Opfern, um von den Göttern die Schicksale der Zukunft zu
erfahren, und deshalb sehr gewöhnlich das Verbrennen
des Lorbeerholzes. Knisterte und krachte es öfters und
laut im Feuer, so war dies ein glückliches Zeichen; verbrannte
es dagegen still und ruhig, so standen schlimme
Zeiten bevor.
Von dem Tempel des Apoll zu Delphi ging das Bespritzen
mit Weihwasser und der reinigende Lorbeerzweig
(Lustratio) aus; denn das Bekränzen mit Lorbeer war
ebenfalls eine Reinigung. Im
Weihwasser und dem Weihwedel des Katholicismus erkennen
wir beides noch.
Bei dem Feste Hebdome, das am siebenten Tage jedes
Alonats dem Apoll gefeiert wurde, sang man Hymnen,
trug Lorbeerzweige in den Händen, und bekränzte mit
solchen die Körbe.
Auch in den Festen des Merkur spielte der Laurus
seine Rolle, wie denn auch Daphnis, Sohn des Hermes
und einer Nymphe, von der Mutter in einem Lorbeerhain
ausgesetzt und von Nymphen erzogen wurde.
Das Fest des Merkur wurde in Rom am 15. Mai gefeiert.
An diesem Tage brachten vorzüglich die Kaufleute
dem Hermes Opfer, damit er ihnen im Handel Gewinn
verleihen und ihre Unternehmungen beglücken möchte.
Vor dem Kapenischen Thor war ein dem Merkur geweihter
Brunnen. Bei diesem versammelten sich die Kaufleute
mit gegürteten Kleidern und jeder brachte von seiner
Waare mit. Mit einer Urne schöpften sie Wasser
aus dem Brunnen und besprengten mit einem feuchten Lorbeerzweige
sich selber und die mitgebrachten Waaren, um
ihre Vergehungen im vorigen Jahre auszusöhnen. Schalkhaft
legt ihnen ein Dichter dieses Gebet in den Mund:
„Wasche ab die Meineide in meinem vergangenen
Leben, und die falschen Worte am vergangenen Tage!
Wenn ich irgend einen Gott oder eine Göttin zum falschen Zeugnisse gerufen habe, so müssen nun die Winde
den falschen Schwur verwehen! Gib mir aber Gewinn
und lasse mich des Gewinnstes erfreuen."
Merkurius, sagt der Dichter, lächelt dieser Bitte von
seinem hohen Sitze, des Raubes der Rinder eingedenk,
die er als Knabe schon dem Apoll entwandt.
Der Lorbeer ist auch ein Sinnbild der Sicherheit
so wie der Freiheit,
daher kommt Liberias bisweilen
mit Lorbeer bekränzt vor. Er zeichnet sich ferner
durch seine Heilkräfte aus, und hierinn mag der Grund
liegen, warum nicht selten Aeskulap, Sohn des Apoll, so
wie Hygea, die Dea Salus der Römer, damit bekränzt
vorgestellt wird ; selbst
Herkules, dem auch unter den medicinischen Gottheiten
eine Stelle gebührt, trägt öfters diese Zierde. Lorbeerhaine
in der Nähe einer Stadt hielt man für den Gesundheitszustand
höchst zuträglich, indem man glaubte, dass
die aromatischen Ausdünstungen dieser Bäume die schädlichen
Kontagien zerstörten ; ja nach Aristophanes schützte
ein vor die Thüre gesteckter Lorbeerbaum gegen die Pest.
Sehr verbreitet war im Alterthum der Glaube : der
Lorbeer werde nicht vom Blitze berührt, ja Tiberius
pflegte allezeit, so oft ein Gewitter am Himmel stand,
den Kopf mit einem Lorbeerkranze zu bedecken.
Obgleich der Laurus in Italien, wie in Griechenland,
gar kein seltner Baum ist und an vielen Orten wild wächst,
so schäzte man doch die Lorbeerzweige von einer gewissen
Gegend genommen vorzugsweise, solche auf dem
Berge Parnassus geschnitten, brachte man Königen zum
Geschenke, dort stand ein vorzüglich schöner, dem Apoll
geweihter Lorbeerhain. An den Ufern des an Sparta vorüber
fliessenden Eurotas waren Lorbeerbäume gleichfalls
dem Sonnengotte gewidmet und in besonderem Ansehen;
nicht minder der Lorbeer von Delphi (Laurus delphica),
von welchem letzteren die Zweige für die Triumphzüge
genommen wurden, und zwar von männlichen Bäumen
(Laurus sterilis et triumphalis), denn der Lorbeerbaum ist
getrennten Geschlechtes (planla dioica) und die schöneren
männlichen Bäume nannte man die unfruchtbaren (steriles),
weil sie keine Beeren tragen.
Es gibt ferner eine auch bei uns bekannte Varietät
mit breiteren Blättern, die Laurus regia und Laurus augusta
hiess.
Anmerkung. Der Tolllorbeer (Laurus insana), der,
wie Plinius berichtet, auf dem Grabe
des Ainykos, Sohn des Poseidon und der bithynischen
Nymphe Melie wuchs, könnte vielleicht der Kirschlorbeer
(Prunus Lauro-Cerasus L.) seyn, der seines Gehaltes an
Blausäure wegen zu den giftigsten Gewächsen gehört."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)