" "Wegwarten werden in Griechischer spraach Serides / in Lateinischer Intubi genent / darvon der nam Endivia kompt / wie wir hernach klärlicher wöllen anzeygen.
Der Wegwarten seind fürnemlich zwey geschlecht / zam und wild. Die zam Wegwart ist zweyerley / eine hat seer breyte bletter wie der Lattich / ist die recht Endivia / der sich alle Apotecker sollen gebrauchen / dann das kraut so gemeinlich für Endivia brauchen / ist wilder Lattich / den wir an seinem ort beschriben haben. Mag auff Teütsch zam breyt Wegwart genent werden. Die ander hat schmelere bletter / und dieweil sie zu ringßumbher zerkerfft seind wie ein säg / würdt sie zu Latein Scariola geheyssen. Auff Teütsch zame schmale Wegwart. Der wilden Wegwarten seind drey geschlecht. Das erst dieweil es bitter ist / heyßt bey den Griechen Picris und Cichorion / zu Latein Cichorium unnd Cichorea. Mag füglich wilde blawe Wegwart genent worden. Das ander geschlecht mit den breyten blettern würt bey dem Plinio Hedypnois / bey dem Theophrasto Aphaca geheyssen. Die gemeinen kreütler nennen sölchs gewechß Dentem leonis / unn Rostrum porcinum . Die Apotecker Taraxacon. Zu Teütsch Pfaffenrhörlin / oder Rörlkraut. Ettlich heyssens Münchßblatten / oder Pfaffenblatten. Das dritt ist der wilden blawen Wegwarten gantz gleich / würt derhalben geele Wegwart geheyssen.
Die zam breyt Wegwart oder Endivia / hat einen grossen runden stengel / auß welchem wachsen vil zweiglin oder ästlin / geziert mit breyten / langen / und zu ringßumbher tieff zerkerfften blettern. Die blumen seind den wilden Wegwart blumen gleich / doch ein wenig braunlechter und kleiner. Sie seind auch zu zeiten gantz weiß. Nach abfallung derselben bringt sie samen der ist wie Lattich same gestalt. Die wurtzel ist schmal / lang / mit vilen zaseln geziert. Die zam schmal Wegwart oder Scariol ist der Endivien aller ding gleich / allein die bletter seind etwas schmeler / und nit so tieff zerkerfft / die wurtzel ist auch nit so lang / und hat mehr fasen. Die wild blaw Wegwart hat bletter die ligen erstlich auff der erden außgebreytet / wie des Pfaffenrhörlins / doch von farben grawer / rauher / und kleiner zerschnitten / wie die bletter am Hasenköl. Die stengel werden groß / rauch / lassen sich biegen oder krümmen / und brechen nit leichtlich ab / haben vil neben zweiglin / die seind seer zäch / und mit wenig blettern bekleydet / welche weit von einander / unn nit tieff zerschnitten sind. Die neben zweiglin seind mit vilen wartzechten knöpfflin geschmuckt / von unden an biß oben auß. So die herauß kriechen werden liechtblawe blumen darauß / zu zeiten gar schneeweiß / die sich allzeit der sonnen nach keren / der himel sey trüb oder heyter / und mag man allso an disen blumen spüren die zeit des tags / dann so bald die sonn undergeet / thun sie sich widerumb zusamen. Die wurtzel ist lang / und außwendig geel. Das Pfaffenrhörlin breytet sich auch erstlich circkels weiß auff der erden auß mit seine blettern / welcher vil seind / zu beyden seiten zerspallten / wie des jungen wilden Wegwarten / doch feyster unn linder. Seine zerkerfften zän vergleichen sich den grossen sägen zänen. Die rippen so durch die bletter geen / seind gegen der wurtzel leibfarb rot. Mitten auß dem stock dises gewechß tringen herauß hole lange glatte rhörlin / on gleych und knöpff / auff derselben gipffel wachsen grüne bartete knöpfflin / welche so sie auffgeen werden zu schönen geelen totterfarben gefüllten blumen / als gemalte schöne sonnen. Alls bald sölche blumen zeitigen / werden harige runde und wollechte köpff darauß / die fliegen seer bald darvon / das ist der same. Nachdem steen die rhörlin mit den weissen beschornen runden blatten ledig / wie die nacketen Münchßkopff. Die wurtzel ist dick / und erdenfarb / mit wenig fäßlin. Die geel Wegwart ist der blawen aller gestalt gleich / außgenommen die bletter seind gantz rauch / mit vilen kleinen stacheln / als die Endivien. Die blumen seind geel gefüllt. Die wurtzel ist lang und schlecht.
Die zamen Wegwarten müssen in gärten gezilt werden / wachsen von jnen selbs nit. Die wilde blawe Wegwart wechßt allenthalben bey den wegen und strassen die durch die frücht äcker geen / daher sie auch jhren Teütschen namen hat überkommen. Die Pfaffenrhörlin werden auff den wisen / und fast allenthalben gefunden. Die geel Wegwart würdt auch bey der blawen gefunden neben den äckern / strassen / und rauhen wisen.
Die zamen Wegwarten blüen im Brachmonat unnd Hewmonat. Die blaw und geel Wegwarten fahen auch fast zu derselbigen zeit an zu blüen / und weren biß in den Herbst hinein. Pfaffenrhörlin bringen jre blumen von stund an im Mertzen / und fort an den gantzen sommer / biß in den Herbst / ja biß in kalten winter hinein.
Die Wegwarten seind kalter unnd truckner complexion biß in den andern grad. Die heymschen aber unnd zamen seind ettwas kellter dann die wilden / trücknen auch nit so seer.
Allerley Wegwarten ziehen zusamen / unnd stercken den magen. Wann sie gesotten und mit essig gessen werden / stellen sie den stulgang. Die wilden seind dem magen besser und angenemer. Mit gersten maltz vermengt unnd übergelegt / seind sie gut denen so weetagen haben im magenschlund. Deßgleichen gebraucht / dienen sie wol zu dem hitzigen Podagra / rotlauffen / und hitzigen geschwulsten der augen. Der safft von Wegwarten bletter mit rosenöl und essig vermischt unnd übergelegt / miltert den schmertzen des haupts. Mit wein vermischt und getruncken / bekompt er wol den lebersüchtigen / unn der blasen. Darumb nimpt er hinweg allerley verstopffung der leber. Wegwarten gesotten unn getruncken helffen denen so die geelsucht haben. Sie machen zimlich schlaffen. Bringen den frawen jhre zeit / und treiben auß die todten frucht. Pfaffenrhörlin gesotten und getruncken / stopffen den bauchfluß. Mit Linsen gesotten / seind sie gut getruncken denen so die roten rhur haben. Wann einem der mennlich same entgeet / so soll er von den Pfaffenrhörlin trincken. Sie seind auch treffenlich gut denen so blut außspeien. "
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)