"Von diesen schönen, meistens immergrünen Gewächsen, die man nicht unpassend die Palmen des Nordens genannt hat, gibt es nicht nur eine ansehnliche Zahl von Arten, sondern sie bilden auch im Norden von Europa, Asien und Amerika grosse dichtgeschlossene Wälder, die der linienförmigen steifen Blätter wegen Nadelhölzer oder Nadelwaldungen heissen. Pflanzen von so auffallendem Baue, wie diese Zapfenträger (Coniferae), müssen sehr bald die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben , und wir finden sie daher vielfältig in die Mythologie der Griechen und Römer verflochten. Hier mögen folgende eine Stelle erhalten:

5) Die Fichte des Sinis, die gemeine Fichte oder Föhre, Pinus sylvestris L., ein bei uns überall vorkommender und sehr bekannter Waldbaum, der aber in dem wärmeren Griechenland nur an rauhen Gebirgsstellen vorkommt. An sie erinnert die Mythe von dem Pityokamptes oder Fichtenbeuger, der, als Räuber am Eingänge der Landenge von Korinth hausend, schlechtweg der Bösewicht Sinis genannt wurde. Er war im Stande, die Fichten, womit der gedachte Isthmus bewachsen war, zu krümmen und beugen, und verlangte das Gleiche von den Reisenden, waren sie es nicht im Stande, so band er sie an die zur Erde gebeugten Fichten, die er dann in die Höhe schnellen liess, und die armen Gebundenen zerrissen. Theseus tödtete ihn.
Dieser Sage liegt offenbar eine richtige Naturbeobachtung zum Grunde; denn die gemeinen Fichten, welche auf gutem Roden zu einem starken Baum heranwachsen, werden auf Sumpf und Moorgrund kaum zum Strauche, und auf Hochgebirgen liegen sie verkrüppelt und kriechend zur Erde gebeugt. So findet man sie schon im Schwarzwald unter dem Namen Krummholz. Den Alten galt die Fichte auch als ein Zeichen des Winters, wie man aus einer Darstellung der Jahrszeiten sieht, deren Winkelmann gedenkt.
Bei den isthmischen Spielen wurde der Sieger mit einem Fichtenkranze belohnt, mit welchem gekrönt auch bisweilen Diana erscheint, und besonders Dictynna, eine ihrer Nymphen. Auch galt sie als ein Symbol der Jungfrauschaft Nur mit einem Worte ist hier die Ceder des Libanon, Pinus Cedrus L., anzuführen, die im Alterthum als ein Symbol der langen Dauer und Ewigkeit galt, aus deren Holz insbesondere der berühmte Tempel des Salomo in Jerusalem gebaut worden seyn soll. Heut zu Tage sind nur noch wenige Stämme von diesem merkwürdigen Baum auf dem Libanon vorhanden."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)