"Das Fünff fingerkraut / oder Fünffblatt / hat sein namen von den blettern / dann ein yedes blatt ist in fünff underscheydliche fingerlin zerteylt. Auff Griechisch würt es Pentaphyllon genent / zu Latein Quinquefolium / welcher nam in den Apotecken bliben ist.
Des Fünff fingerkrauts seind dreierley geschlecht. Eins mit weissen blumen welchs wir groß weiß Fünff fingerkraut genent haben. Das ander mit geelen blumen / das haben wir groß geel Fünff fingerkraut geheyssen. Das dritt hat auch geel blumen / ist aber vil kleiner dann die vorigen zwey geschlecht / darumb haben wirs klein Fünff fingerkraut genent. Was sonst für underscheyd under disen ist / wöllen wir volgends in der beschreibung der gestalt anzeygen.
Das groß weiß Fünff fingerkraut breytet sich auß und fladert hin und wider mit seinen stengeln / richt sich auch zu zeiten auff. Seine stengel seind gantz zart / dünn und harig. Die bletter lang / schmal / und an beyden seiten am fordern teyl zerkerfft. Die blumen seind weiß / ein yede mit fünff blettlin. Wann die blümlin abfallen bleiben die mittelste knöpfflin steen / wie die kleinen böllin. Die wurtzel ist holtzecht / braun / lang / mit vilen angehenckten kleinen würtzelin. Das groß geel Fünff fingerkraut hat stengel die seind zart / unnd fladern auff der erden hin unnd her wie Genserich / oder Erdtbeer kraut. Die bletter seind lang / doch breyter dann des vorigen / zu ringßumbher wie ein säge zerkerfft. Die blumen seind geel / mit fünff blettlin / wie des Genserichs. Wann dise blümlin abfallen / bleiben die mittelste knöpfflin steen / in der größ wie die kleinsten Erdtbeerlin / seind aber hert. Die wurtzel ist lang / braun / unn holtzecht / mit kleine zaseln.
Das dritt fladert auff der erden / hat etwan fünff / ettwan siben fingerlin an einem blatt / welches vil kleiner ist dann der vorigen zwey / ist sonst mit blümlin / samen und wurtzel / dem andern geschlecht gleich.
Fünff fingerkreüter wachsen auff dürren unnd sandigen orten / hinder den zeünen / an den mauren / und zu zeiten an den wässerigen und feüchten stetten.
Fünff fingerkraut blüet im Meyen und Brachmonat am fürnemsten.
Die wurtzel / welche man am meysten braucht / ist trucken im dritten grad / hat aber kein offenbarliche hitz. Es trücknen aber die bletter und blumen auch / dieweil sie am geschmack seer zusamen ziehen.
Die wurtzel in wasser biß das dritt teyl verzert würt gesotten / und im mund warm gehalte / miltert den weetagen der zän. Mit disem wasser gegurgelt / heylet es die geschwär des munds / und die serigkeyt oder verwundung des hals. Dergleichen gesotten unn truncken / heylt sie die roten rhur / weetagen der gleych unn hüfft. Stellt allerley bauchflüß. Mit essig gesotten und übergeschlagen / verzert sie die kröpff / herte / geschwulst unn die rauden. Der safft von der wurtzel dieweil sie noch jung und zart ist / würt gelobt zu den gebresten der leber / lungen / unn allerley gifft. Die bletter in Meth / oder wässerigem wein gesotten mit ein wenig Pfeffers / verhütet das schütten des febers. Dreissig tag an einander getruncken / heylen sie die fallende sucht / oder das vergicht. Der safft von den blettern ettlich tag getruncken / heylet schnell die geelsucht. Die bletter mit hönig und saltz vermischt übergelegt / heylen die wunden und ander fressende schäden der fistel. Die bletter zerstossen und übergelegt / heylen den bruch. Fünff fingerkraut gesotten / getruncken oder übergeschlagen / stellt allerley bluten. Die wurtzel in wein gesotten biß das dritt teyl verzert würt / heylet die geelsucht. Die bletter grün zerstossen und übergelegt / oder der safft von denselbigen angestrichen / heylen die zittern oder flechten."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)