"Wie das Pigment des Safrans die Farbe des Himmels bei dem Aufgange der Sonne darzustellen vermag, so ahmen die Corollen des Schwertels das herrliche Phänomen des Regenbogens nach, und Iris hiess bei den Alten nicht nur der Regenbogen, sondern auch eine Bewohnerin des Olymps, des Thamantes und der Electra Tochter, die Botin der Himmelskönigin (Irim de caelo misit Saturnia Juno).
Sehr bekannt sind in unsern Gärten die Schwertel- Arten, deren viele gezogen werden ; der Schwertel der Mythologie ist aber wohl vorzugsweise die schöne Iris odoratissima Jacquin, von der gemeinen Art, oder der Iris germanica L., durch die viel höheren Stengel, die weit grössern blassblauen sehr wohlriechenden Blumen , und andere Merkmale deutlich unterschieden. Die Pflanze wächst nicht nur in Italien wild , sondern wird auch um ihrer sehr angenehm riechenden Wurzeln willen in Menge bei Florenz gezogen , und diese als ein Handelsartikel verschickt.
So wie dem Merkur, als dem Boten des Zeus, auch das Geschäft oblag, die Seelen der verstorbenen Männer an den Ort ihrer Bestimmung zu führen, eben so war der Iris derselbe Auftrag bei den Weibern von der Juno geworden.
Vielleicht liegt hierin der Grund der noch bis auf den heutigen Tag in Griechenland fortdauernden Sitte, den Schwertel auf die Gräber der Verwandten zu pflanzen; überall sah Sibthorp die Iris odoratissima in den Kirchhofen der Griechen.
Die Iris ist auch ein Symbol des Rufes (Fama), der, so wie er weiter schreitet, sich ändert und vergrössert. Und wirklich wird die lügenhafte Fama mit ihren veränderlichen Nachrichten recht gut durch den vielfarbigen und in seinen Farben unbeständigen Schwertel angedeutet.
Anmerkung: Wenn die heutigen Europäer das Symbol des Todes so grausenhaft als ein Knochengerippe mit Sense und Sanduhr darstellen; wie ganz anders die schönere Phantasie des Alterthums. Stirbt ein Kind, so kommt die liebliche Eos oder Aurora, empfängt es in ihrem Schoos und geleitet es in den Wohnsitz der Seligen; entschläft eine erwachsene Person, so erscheint Merkur oder die freundliche Iris und führt die Seele des Entschlafenen auf der Bahn des glänzenden Regenbogens in das ersehnte Land des ewigen Friedens."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)