"Ingeber oder Zinziber. (Zingiber officinale) Der Ingwer ist sehr heiss und getheilt "zufloszlich", sein Genuss schadet dem gesunden und wohlgenährten Menschen, weil er ihn dumm, unwissend, lau und zügellos macht. Wer aber dürr und hinfällig ist, der soll aus Ingwerpulver einen Trank "suffen" machen oder dasselbe mit zum Brote essen, damit aber aufhören, wenn er wieder gesund ist, um keinen Schaden zu leiden. Gegen geschwürige und trübe Augen soll Ingwerpulver, in ein Tuch eingeschlagen, in Wein gelegt werden, bis dieser dunkel "zanger" wird; mit diesem Wein sollen dann vor dem Schlafengehen die Augenlider bestrichen werden. ...
Wenn Jemand Tränke (potiones, Abführtränke) bereiten will, mache er ein Pulver aus Ingwer, aus der Hälfte Süssholz und einem Drittel Zittwer und wäge dieses Pulver und nehme dazu gleichviel Zucker. Hiervon wäge er 30 Drachmen ab. Dann nehme er eine halbe Nuss- (Wallnuss) schale voll feinstes Weizenmehl und soviel Milch von Citocacia (Euphorbia Lathyris), als sich mit dem Anschnitt einer Schreibfeder fassen lässt, und mache aus dem Pulver, dem Mehl und der Milch einen dünnen Fladen oder ein Brötchen, theile dieses in vier Theile und trockne sie in der März- oder Aprilsonne. Ist um diese Zeit die Citocacienmilch noch nicht zu haben, so verschiebe er die Sache bis zum Mai. In diesen Monaten ist die Sonnenwärme am gelindensten und der Gesundheit am zuträglichsten. Er nehme den vierten Theil der zubereiteten Masse nüchtern. Ist der Magen aber so kräftig und fest (fortis et aridus), dass er von der Portion nicht angegriffen wird, so bestreiche er die Hälfte einer Portion wieder mit Citocacienmilch und nehme die andere Hälfte dazu, also den ganzen vierten Theil des Brötchens. Fühlt er vor dem Einnehmen Kälte, so erwärme er sich vorher, lege sich nach dem Einnehmen einige Zeit in's Bett und gehe nach dem Aufstehen etwas spazieren, damit er keine Kälte spüre. Nach eingetretener Oeffnung geniesse er Weizenbrot, nicht trocken sondern eingetunkt, junge Hühnchen, Schweinefleisch und sonstiges leichtes (suaves) Fleisch, vermeide jedoch grobes Brot, Ochsenfleisch, Fische und andere schwere Speisen, als Käse, Kohl und Obst, trinke Wein und kein Wasser, halte sich aus der Sonne und thue es so drei Tage lang. (Es dürfte wohl offenbar sein, dass unter Zitvar und Ingeber die Rhizome der Pflanzen zu verstehen sind.)"
(Hildegard von Bingen: Physica (Liber simplicis medicinae), 1150 - 1160)