"Melissen nent man auch Hönigblum. Bey den Griechen würdt sie Melissophyllon oder Meliphyllon / zu Latein Apiastru und Citrago / in den Apotecken Melissa geheyssen. Dise namen aber alle hat sie überkommen darumb das die Immen oder Bynen ein sondere lieb unnd begird zu disem kraut haben / und das hönig darauß saugen.
Man findt zu unsern zeiten zwey geschlecht der Melissen. Eins das über die massen wol reucht / wie die Citrinat öpffel / und sölchs ist on zweifel das recht. Das ander reucht auch / aber fast unlieblich / dann sein geruch ist seltzam / den stinckenden wantzen nit seer ungleich / darumb es auch würdt Wantzenkraut genent. Ist nit das recht Melissen / dann die Bynen nit vil darmit zethun haben / wie mit dem ersten / das so einen lieblichen geruch hat / das auch ein gantz gemach darinn es ligt / ein guten geschmack darvon überkompt.
Melissen hat stengel unnd bletter dem schwartzen Andorn gleich / aber der stengel würt nit hoch. Die bletter seind vil grösser unn zärter / auch nit so rauch / eins guten lieblichen geruchs / wie die Citrinat öpffel. Die blume seind leibfarb. Die wurtzel gantz schlecht und holtzecht. Das Wantzenkraut hat einen vierecketen stengel / der ist einer elen hoch. Die bletter seind den blettern der rechten Melissen ettwas gleich / aber nit so groß / eines seltzamen geruchs / gleich wie die wantzen oder wandleüß. Seine blumen die sie ringßumb den stengel gewindt seind weiß oder bleychgeel / in kleinen heüßlin begriffen / inn denselbigen samlet sich nach der blust der samen / der ist kleiner dann der samen der Agley. Seine wurtzel hat vil nebenwurtzelen durch einander / darmit sie sich hin und wider in der erden flicht / wie die Nessel.
Das erst geschlecht unn recht Melissa wechßt nit an allen orten / würt in wälden gefunden umb Ingolstat und Onoltzbach / do ichs dann überflüssig gesehen hab. Das Wantzenkraut zilt man allenthalben in gärten.
Im Brachmonat und Hewmonat blüen beyderley geschlecht der Melissen.
Melissa ist warm im andern grad / und trucken im ersten.
Melissen bletter in wein gesotten und getruncken / oder aber den leib mit sölchem wein bestrichen /
seind nützlich und gut wider die bissz der schlangen / und andrer vergifften thier.
Das kraut gesotten unn ein lenden bad darauß gemacht / bringt den frawen jr zeit.
Das wasser darinn das kraut gesotten im mund gehalten / stillt den weetagen der zän.
In der rote rhur ist diß kraut nützlich zu den clystieren gebraucht. So einer gifftige schwammen gessen het /
der soll von disem kraut trincken. Man sol auch ein latwerg auß den blettern denen zu gebrauchen machen /
die dem athemb nit mögen haben dann auffrecht. Mit saltz vermengt und zerstossen übergelegt /
verzeren sie die kröpff. Reynigen unn seubern die wunden. Sie lindern den schmertzen der gleych übergeschlagen.
So man die Ymmenkörb mit disem kraut reibt / so fliegen die Binen nit hinweg. So einer von Ymmen gestochen würt /
der sol diß kraut überlegen / so legt es den schmertzen. Es verhütet das auffsteigen der muter.
Ist fürtreffenlich gut denen so traurig unn schwärmütig seind / in wein gesotten und getruncken /
oder einen zucker und Conserven darauß gemacht / dann es macht frölich. Der safft auß den blettern getruckt /
und inn die augen gethon / macht ein klars gesicht. Man schreibt auch das der gebrauch diß krauts sinnreich mache /
und gute leichte tröum."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)