"Die Pflanze, von welcher die ägyptische Bohne [Nymphaea Nelumbo. L. Nelumbium speciosum Willd.] kommt, gehört nicht nur zu den schönsten, sondern auch, in historischer Hinsicht, zu den interessantesten Gewächsen : in Ostindien wächst sie häufig in Teichen, und ehedem auch, nach dem Zeugnis Homers und Theophrasts, in Aegypten. Sie wird von den Brachmanen, Chinesen, Tibetanern und Nepalern für heilig gehalten. Lakschmi, die Göttin des Ueberflusses , die Tochter des Oceans und der Nacht, segelt in einer Sirischa - Blume [der indische Name der Pflanze] - auf dem Meer. Sie ist die Blume der Nacht; der Mond öffnet ihre Wohlgerüche. Gerade so wie die griechischen Aegyptier ihren Harpokrates, haben die Tibethaner eine ländliche Gottheit, Pocio , deren Thron eine herrliche Blume des Nelumbium ist. Brahma schwimmt, wie Osiris, auf dem Blatte der Pflanze. Harpokrates fand seine Wiege auf einem solchen. Isis wurde mit derselben gekrönt abgebildet. Auf den Gemälden der Chinesen ist die Blume der Nelumbopflanze der Thron, auf dem Amydas oder Fumbum sitzt. Auf den alten ägyptischen Monumenten und Münzen ist die Pflanze öfters abgebildet.
Der Same dieser Pflanze diente den Aegyptiern zur Speise , ihren Priestern aber war sie verboten, so wie sie auch Pythagoras seinen Schülern verbot. Nach Rumphs Zeugnis kann man sie, ehe sie völlig reif werden, roh essen, wo sie dann wie Haselnüsse schmecken völlig reife aber müssen vorher gekocht oder gebraten werden und schmecken wie Kastanien.
Die Hippokratiker hielten die ägyptischen Bohnen für ein stopfendes und blähendes Nahrungsmittel; bei Diarrhöen gab man sie mit römischem Kümmel zur Speise besonders gekocht mit irgend einer Fettigkeit. Mit äthiopischem Kümmel , Honig und Wein werden sie gegen Engbrüstigkeit gerühmt; endlich bereitete man sie auch nach abgenommener bitterer Schale zu einem Trank bei Kolikschmerzen.
Nach Berichten neuerer Zeiten kochen die Chinesen aus dem noch nicht völlig reifen Samen, nachdem sie selbige geschält haben , mit Wasser und Zucker einen Brey , den sie als eine sehr erquickende und kühlende Speise Entkräfteten reichen."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)