"[I.6. - Narde] - Valeriana oder Patrinia Jatamansi und Patrinia scabiosaefolia (Valerianaceae) - Indische Narde und syrische Narde
Es gibt zwei Arten Narde, und zwar heißt die eine die indische, die andere die syrische, nicht aber weil sie in Syrien gefunden wird, sondern weil die eine Seite des Gebirges, an dem sie wächst, nach Indien, die andere nach Syrien gerichtet ist. Von der als syrische bezeichneten ist diejenige die beste, welche frisch, leicht, reichdoldig, gelbfarbig und sehr wohlriechend ist, und zwar im Dufte dem Cyperngrase gleich, welche eine dichte Ähre, einen bitteren Geschmack hat, die Zunge austrocknet und den Wohlgeruch ziemlich lange behält. Eine Art der indischen heißt Gangitis von einem gewissen Flusse mit Namen Ganges, welcher an dem Gebirge, wo sie wächst, vorbeifließt. Sie ist an Kraft schwächer, weil sie aus feuchten Gegenden stammt, ist auch länger und hat viele aus derselben Wurzel sprießende vieldoldige und unter sich verflochtene Ähren mit stinkendem Geruch. Die gebirgige dagegen ist dunkler, wohlriechender, hat kürzere Ähren und ähnelt im Geruch dem Cyperngrase; dabei hat sie die übrigen Eigenschaften der als syrische bezeichneten. Eine Art heißt auch die sampharitische, sie ist sehr kurz und nach ihrer Heimat benannt, mit großen Ähren, in deren Mitte sie zuweilen einen helleren Stängel mit übermäßig starkem Bocksgeruch treibt; dieser muss weggeworfen werden. Sie wird aber auch ausgesogen in den Handel gebracht; dieses erkennt man daran, dass die Ähre weiß und dürr ist und keinen Flaumbesatz hat. Sie verfälschen sie auch durch Imprägnieren mit Schwefelantimon und Wasser oder Palmwein, damit sie kompakter und schwerer wird.
Beim Gebrauche muss man, wenn Schmutz an den Wurzeln hängen sollte, diesen entfernen und den Staub absieben, welcher zum Waschwasser der Hände verwandt werden kann. Sie haben erwärmende, austrocknende, urintreibende Kraft, weshalb sie genossen auch den Stuhlgang und, in Zäpfchen eingelegt, die Ausflüsse aus der Gebärmutter stellen, sowie die Säfte in Ordnung bringen. Mit kaltem Wasser genommen helfen sie gegen Übelkeit, Magenschmerzen, Blähungen, Leberleiden, Gelbsucht und Nierenleiden. In Wasser abgekocht und zum Dampfsitzbade angewandt, heilen sie die Gebärmutterentzündungen. Ferner wirken sie gegen die in den Augen abgesonderte, die Augenlider faulende Flüssigkeit, indem sie die Wimpern kräftigen und verdichten, auch dienen sie zu Aufstreupulver für feuchte Körper. Weiterhin werden sie den Gegengiften zugesetzt. Zu Augenmitteln aber werden sie mit Wein fein zerrieben, geformt und in einem unverpichten neuen Gefäße aufbewahrt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)

"[I.75. - Nardensalböl]
Das Nardensalböl wird auf mannigfache Weise mit Malabothronöl und ohne dasselbe hergestellt. Zumeist wird dem Behen- oder dem unreifen Olivenöl Bartgras zum Verdichten des Oels, zum Wohlgeruch aber Kostus, Amomum, Narde, Myrrhe, Balsam zugemischt. Geschätzt wird das weiche, nicht scharfe, welches den Geruch nach trockener Narde und Amonium hat. Es hat verdünnende, durchdringende, reinigende, die Feuchtigkeit (Säfte) verdünnende, erwärmende Kraft. Es ist flüssig, aber nicht zähe, wenn es nicht Harz enthält. Es wird auch eine geringe Sorte, aus Oel von unreifen Oliven und Bartgras, Kalmus, Kostus und Narde bereitet."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)