"Der Holder würt vo den Griechen geheyssen Acte / von den La teinischen aber Sambucus. Er ist aber Holder genent worde darumb / das seine zweig inwendig hol / unn voller marck.
Des Holders findt man zweyerley geschlecht. Eins wechst auff wie andere baum / und würt in den Apotecken genent Sambucus / unnd auff Teütsch Holder. Das ander geschlecht würdt von den Griechen Chameacte geheyssen / das ist auff Teütsch sovil als kurtzer oder nidrer Holder. Lateinisch würt diser Holder Ebulus / und Teütsch Attich genent.
Der Holder scheüßt baumsweiß auff / mit runden / holen / starcken unn weißgrawen ästen und zweigen / dem Ror gleich. An den ästen bringt er drey / vier / fünff / sechs / oder siben bletter / die underscheydenlich von einander steen / den Welsche nuß bletter nit ungleich / eins starcken geruchs / ringßumbher zerkerfft. Am gipffel der äst tregt er seine gekrönte / oder eine schatthut gleich / weisse blüm lin / auß welchen werden runde beer / schwartz mit purper vermischt / gleich wie die trauben zu hauffen verfügt / safftig / unnd am geschmack schier dem wein gleich. Der Attich ist niderechtiger unnd kleiner / mehr einem kraut dann einem baum gleich / hat einen vierecketen stengel / mit vilen gleychen unnd gewerblin / auß welchen wachsen lange bletter den mandelbaum blettern gleich / wie flügel außgebreyt / ringßumb zerkerfft / eins starcken geruchs. Am gipffel der stengel bringt er blumen unnd beer / wie der Holder. Die wurtzel ist lang / unnd fingers dick.
Beyde der Holder und Attich wachsen gern an schattechten unnd rauhen orten / auch neben den wassern. Doch der Attich wechst auch auff ettlichen fäldern und äckern.
Der Holder blüet im Brachmonat / ein wenig vor der Sonnenwend. Der Attich aber später / nemlich im ende des Brachmonats / unnd im Hewmonat. Seine beer sollen im Augstmonat gesamlet werden.
Beyde Holder unnd Attich seind warmer unnd trückner natur unnd complexion.
Der Holder unnd Attich haben einerley würckung / trücknen unnd treiben auß das wasser / doch seind sie dem magen schädlich. Die jungen dolden unnd bletter gleich wie andere kreüter gesotten / und in der speiß genossen / treiben auß den rotz / pituitam genent / und die gallen. Die wurtzel in wein gesotten / und in der speiß genossen / ist den wassersüchtigen seer gut / dann sie treibt gewaltig das wasser auß dem leib. Dergleichen getruncken / ist sie nützlich denen so von den natern / uiperae geheyssen / gebissen seind. Wann man die wurtzel in wasser seüdt / und darin sitzt / so erweycht sie und eröffnet die hertten und verschwollne muter. Sölche krafft haben auch die beer / so sie mit wein getruncken werden. Der safft von den beeren angestrichen / macht das har schwartz.. Die frischen unnd zarten bletter mit gerstenmaltz vermengt / miltern die überige hitz. Sie seind auch gut zu dem brand / unn denen so von einem wütenden hund gebissen seind / wann mans überlegt. Sie heylen auch die tieffen und holen wunden. Mit ochsen oder bocks schmaltz vermischt und übergestrichen / lindern den schmertzen des podagrams. In wasser gebeißt oder gesotten / unnd darnach das ort mit dem selbigen wasser besprengt / vertreiben unnd tödten die flöhe und mucken. Der rauch vom Attich / vertreibt die schlangen und natern."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)