"Gar nicht selten wird bei uns der Granatbaum, Punica Granatum L. , in Töpfen oder grossem hölzernen Gefässen, die man des Winters unter Dach bringt, zur Zierde gezogen; er darf deshalb als zureichend bekannt vorausgesetzt werden. Seine bei uns kaum reifende Frucht gehört in wärmeren Gegenden zu den beliebtesten Obstsorten, von denen da mancherlei Varietäten gezogen werden, die sich durch Farbe, Geschmack u. s. w. von einander unterscheiden.
Dass der Granatapfel der Juno geweiht ist, sieht man schon an ihren Statuen, wo sie immer einen solchen in der Hand haltend dargestellt ist.
Ueber die Entstehung des Baumes theilt Arnobius eine Mythe mit, nach welcher Zeus der auf einem grossen Steine (Agdus genannt) sitzenden Rhea mit seinen Liebkosungen sich näherte; aber, zurückgewiesen, befruchtete er den Stein selbst, aus dem der unbändige Agdestis erwuchs, den Dionysos kastrirte ; aus seinem Blute entsprosste der Granatbaum mit seinen schönen Früchten. Diese liest Nana, des Songarius Tochter, auf, und nimmt sie in ihren Busen, dort verschwindet die Granate; Nana fühlt sich schwanger, und gebiert den Attes.
Mannichfaltig sind die Mythen, welche sich auf die Granaten beziehen; Plutus sollte die geraubte Persephone ihrer trauernden Mutter Demeter wieder zurückgeben, wenn sie im Reiche der Schatten noch nichts zu sich genommen hätte. Als aber Merkur, von Jupiter gesandt, in die Unterwelt kam, hatte Proserpina bereits die Hälfte eines Granatapfels gegessen , den ihr Plutus unter den zärtlichsten Betheuerungen seines Wohlwollens darbot; jetzt musste sie die eine Hälfte des Jahres im Schattenreiche verweilen, und durfte nur die andere bei der Ceres oder in der Oberwelt zubringen.
Bei den Thesmophorien oder Ceresfesten war der Granatapfel verboten, und auch bei der Feier der Eleusinien durfte nicht Jedermann diese Früchte, welche die heilige Kiste enthielt, gemessen.
Der Granatapfel mit seiner mystischen Deutung, gewöhnlich als Zeichen grosser Fruchtbarkeit ausgegeben, ligurirte bei Hochzeitsgebräuchen, wie denn überhaupt die Macht der Juno Pronuba sich über die Ehe und ihre Verhältnisse erstreckt; ohne Zweifel deutete darauf der Granatapfel in den Händen dieser Göttin, aber schon Pausanias erinnerte, die Sache sey zu geheimnissvoll, als dass man sich darüber erklären könne, und auch Creuzer nennt diese Frucht eine sehr mysteriöse.
Vielleicht kannten die Alten schon jene sonderbare Metamorphose der Fruchthüllen, wo mehrere Früchte mit einander verwachsen, was namentlich bei den Aepfeln öfter geschieht, und zumal jene besondere Bildung, wo eine Frucht in der andern eingeschlossen sich zeigt, was die Botaniker schwangere Früchte (fructus praegnantes seu foetiferi) nennen, die zumal bei Citronen und Pomeranzen nicht selten sind, und neuerdings von Risso in Nizza, früher aber von Ferrarius beobachtet wurden, der sie auch abbilden liess und manche interessante Bemerkungen darüber mittheilte. Selbst an den Kokosnüssen hat man ein ähnliches monströses Verhalten wahrgenommen.
Dieser Ansicht gemäs könnte der Granatapfel als ein sehr passendes Symbol der Erzeugung und Imprägnation angesehen werden , worauf denn in der That alles hindeutet, was die Alten davon hinterliessen.
Die schöne rothe Granatblume als Kopfputz zu tragen, ist auch heut zu Tage nicht ungewöhnlich ; sie möchte besonders jenen Frauenzimmern anstehn.
Sie würden, um ihre Wünsche durch jene Blume allegorisch auszudrücken, das klassische Alterthum auf ihrer Seite haben, denn:
Die Hoffnung (Spes) wurde dargestellt als ein hurtiges, schlankes, auf den Zehen leicht einher schreitendes Mädchen, welches mit der Rechten die Blüthen eines Granatapfels trägt.
Die Eintracht (Concordia) wurde ebenfalls durch die Granate angedeutet, und darauf sollen sich die Früchte beziehen, welche auf den Priesterkleidern der Israeliten im Alterthume gesehen wurden.
Mit dem Granatapfel sieht man bisweilen auch den Dionysos geziert, aber häufiger noch den Merkur, und zwar, wie Clemens Alexandrinus sagt, um dadurch anzudeuten, dass Hermes der Gott der Beredsamkeit sey und sich durch sie aus allen Verlegenheiten ziehen könne, gleichwie die Granatfrucht allerlei Fächer und Winkel habe. Sollten also unsere Advokaten sich um ein Symbol ihres Standes umsehen, so dürfte man sie an die Granatfrucht erinnern , deren innerer Bau so eigenthümlich ist, dass auch die neuern Botaniker sie mit einem besondern Namen belegt haben."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)