"Bei den ältesten Völkern , wie bei den Aegyptiern
und Hebräern wurde die Gerste gebaut; auch den
Griechen war sie zu den Zeiten des Hippokrates längst
bekannt. Nicht leicht ist es aber
auszumachen, welche Arten gebaut und gebraucht
wurden. In den hippokratischen Schriften werden drei
Arten oder Abarten erwähnt. 1) Gerste ohne allen
Beisatz; 2) dreimonatliche Gerste; 3) Achillische Gerste. Die erste dürfte wohl unsere gemeine Gerste,
Hordeum vulgare L. seyn; die zweite ist
dadurch unterschieden, dass sie sehr bald, innerhalb
drei Monaten reift , folglich eine Sommergerste. Nun
kann man zwar auch die gemeine Gerste als Sommerfrucht
bauen , allein unter dem Namen Sommergerste
versteht man doch meistens die kleine zweizeilige
Hordeum distichum L. auf welche ich sie hier
beziehen möchte. Die Achillische Gerste wird auch
von Theophrast und Galen angeführt, und von beiden
als eine sehr gute , große , starke Art beschrieben,
worauf am besten die sechszeilige Gerste, Hordeum
hexastichon L. passt, die durch ihre dicken
Aehren und starke Halme so ausgezeichnet ist. Sprengel
bezieht die Achillische Gerste auf Hordeum nigrum
Willd. offenbar nur darum, weil Theophrast sagt, es
gäbe eine weiße und schwarze Abart. Dagegen ist
nun zu erinnern, dass Willdenow's Hordeum nigrum
nichts mehr und nichts weniger ist , als Varietät von
Hordeum vulgare, wie ich mich durch mehrjährige
Beobachtung dieser Pflanze in dem hiesigen ökonomischen
Garten überzeugt habe ; sie ist dabei ganz und
gar nicht größer oder stärker, oder sonst besser als
die gemeine Gerste, was doch Theophrast und Galen
ausdrücklich erinnern. Da nun von mehreren Getreidearten ins dunkle
fallende Farben der Aehren vorkommen, so konnte es
ja auch bei dieser der Fall seyn.
Die Gerste und die verschiedenen Bereitungen aus
derselben, werden von den Verfassern der hippokratischen
Bücher ungemein oft genannt; sie waren ihnen
sehr wichtige, wenn auch nur diätetische Mittel bei
der Heilung der Krankheiten , und verdienen daher
immerhin alle erwähnt zu werden.
Vorerst wird ein Unterschied zwischen der geschälten
und ungeschälten Gerste gemacht ; der Kern für
sich sey kalt und trocken; in der Schale aber liege etwas
Purgirendes die geschälte kühle mehr und verstopfe
den Stuhlgang ; durch Rösten werde die purgirende
Feuchtigkeit entfernt, das kalte und trockne
aber bleibe zurück. Vielleicht ist der Text an dieser
Stelle verdorben , denn etwas Purgirendes hat
man wohl an der Gerste in neueren Zeiten nicht
bemerkt; wenn man nicht annehmen will , dass sie bei
schlechtem Magen nicht verdaut wird, und dann durch
ihren Reiz Durchfall erregt.
Roh und in Substanz scheint man die Gerste nicht
gebraucht zu haben, aber gekocht und mit Essig gemischt
in Säckhchen gefüllt, legte man sie bei Seitenstechen
auf.
Von besonderer Wichtigkeit ist die Ptisane. Unter diesem Ausdrucke versteht man, wenn
kein Beiwort sich vorfindet ein aus Gerste zubereitetes
Dekokt. Galen beschreibt ausführlich , wie die Gerste
durch wiederholtes Einweichen und Stoßen von der
Hülse gereinigt und gehörig zubereitet werden muss.
Die Ptisane war doppelter Art, die sehr genau unterschieden
werden, nemlich die ganze Ptisane und der
Ptisanen-Rahm oder Saft. Zur Bereitung der
ersten wurde das Dekokt nicht durchgeseiht, man ließ
vielmehr die Graupe darin zurück; sie war daher nährender,
aber auch schwerer zu verdauen, als die andere,
wobei nur das Durchgeseihte, aber mehr oder weniger
concentrirte, eingedickte Dekoht gegeben wurde. Um
den Geschmack zu verbessern, setzte man der Ptisane
etwas Salz, Oehl , und wenn mann wollte, auch etwas
Dill oder Lauch hinzu. Wenn schlechtweg Ptisane gesagt
wird, so ist die ganze darunter verstanden.
Auf ihre gehörige Bereitung dringt Hippokrates
ausdrücklich und verlangt noch besonders , dass die
beste Gerste dazu ausgewählt werde er hält sie für
die beste und allen übrigen ähnlichen Dingen vorzuziehende
Speise, in hitzigen Krankheiten, sie empfehle sich
durch ihren sanften Schleim , leichte Verdaulichkeit,
durch ihre Annehmlichkeit, und noch dadurch , dass sie
keinen Durst verursache oder blähe. Bei Brustentzündungen
wird nur der Gerstenschleim mit Honig empfohlen und überhaupt angerathen in hitzigen
Fiebern anfänglich blos den Schleim , dann die ganze
Ptisane zu reichen. An einem anderen Orte wird bei
schlimmen Zeichen in Fiebern verlangt, selbst bei nachlassender
Hitze doch noch bei dem blossen Schleime u.
s. w. zu verbleiben. Wie man allmählich bei entzündlichen
Fiebern zu mehr nährenden Dingen übergehe,
wird gleich darauf gezeigt. Einen solchen Uebergang
von dem dünnen Gerstenschleime zu kräftigeren
Speisen machte jener Gerstentrank , der von Foesius
mit Sorbitia oder Sorbitiuncula, im Lateinischen gegeben
wird.
Dahin gehört auch eine eigenthümliche Mischung, die
unter dem Namen Cyceon, an mehreren Stellen
der hippokratischen Schriften vorkommt, und schon
von Homer genannt wird. Die Zubereitung war nicht
immer dieselbe, sondern mannigfaltig, in Mischung und
Consistenz verschieden. Zu Gerstengraupe wurde Honig
und Wein, bisweilen auch Käse und Oehl gemischt,
oder verschiedene Kräutersäfte und Medikamente. Die
einfachste Bereitung des Mittels ist die, wenn blos
Wasser und Mehl zusammengemischt, folglich eine Art
Brei verfertigt wurde , wozu aber auch Milch genommen
werden konnte. — Im Anfange hitziger Fieber
warnt Hippokrates vor dem Cyceon. Bei Quartanfieber wird aber dessen Gebrauch empfohlen.
Des Gerstenmehles bedienten sich die hippokratischen
Aerzte zu mancherlei Zwecken; sie unterschieden
genau, ob es geröstet war, oder nicht, letzteres
wurde größtentheils äußerlich mit
einer passenden Flüssigkeit, als Cataplas, bei Entzündungen
angewendet. Das geröstete Gerstenmehl hieß die
Polenta der Lateiner, besonders wenn es mit Wasser oder
einer andern Flüssigkeit zum Genüsse zubereitet war.
Die Bereitung der Polenta, bei den Griechen, gibt Plinius
an.
Hierher gehört zuletzt auch noch ein Gericht, das aus
geröstetem Gerstenmehl, mit irgend einer Flüssigkeit
zubereitet, nebst Honig oder eingekochtem Most gegessen
wurde, und eine sehr gemeine Speise war. Je nach,
der Flüssigkeit, womit das Mehl vermischt wurde, musste
nothwendig ihre Anwendung verschieden seyn. Bloß
mit Wasser bereitet , gedenkt ihrer Hippokrates
und hält sie in der Wirkung der Gerste gleich, nur
kühlender , des hinzugekommenen Wassers wegen.
Auch bei Xenophon wird dieser mit Wasser bereiteten
Maza gedacht. Die mit Wein bereitete Maza
wird an einigen Orten , unter andern bei dem Hüftwehe, untersagt; dagegen die mit Oehl und Honig zugerichtete
, bei einer typhosen Krankheit anempfohlen.
Bei dieser Einfachheit der Bereitung blieb man aber
nicht immer , es wurde an der Maza , durch Gewürze
und andere wohlschmeckende Zusätze, gekünstelt, so
dass sie endlich für ein köstliches Gericht gehalten
wurde, da man sie doch zu andern Zeiten schlechter
als Brod hielt."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)